Tagesecho Vom Rande der Gesellschaft auf die Bühne
Am Montag beginnt im Nationaltheater ein ungewöhnliches Theater- und Musikfestival, das gesellschaftliche Randgruppen und Minderheiten auf die Bühne holt. Melanie Agne hat das Programm unter die Lupe genommen:
Theatergruppe der Psychiatrischen Klinik Bohnice
Im Mittelpunkt und auf der Bühne des Prager Nationaltheaters stehen ab
Montag Menschen, die sonst am Rande der Gesellschaft stehen. "Offene
Arme" - so der Titel des ungewöhnlichen Festivals, soll sowohl
gesellschaftlichen Randgruppen als auch kulturellen und ethischen
Minderheiten eine Plattform bieten.
Auf die Frage, ob es in einer Zeit, in der Europa zusammenwächst, nicht
kontraproduktiv sei, durch ein solches Festival Minderheiten wie Juden
oder Roma geradezu herauszustellen, erwiderte der Direktor des
Nationaltheaters, Daniel Dvorak:
Theatergruppe der Psychiatrischen Klinik Bohnice
"Nein, ich glaube, dass unser Ziel keineswegs die Betonung der
Unterschiede ist, sondern herauszufinden, was wir gemeinsam haben und
wodurch wir uns gegenseitig inspirieren können. Das kann aus uns eine
Einheit machen, eine Mischung, die dann ein einzigartiges Ganzes mit
vielen Verschiedenheiten ist, so wie sie jeder von uns mitbringt, nicht
nur als Angehöriger einer Minderheit, sondern auch als menschliches
Individuum. Die Gesellschaft kann niemals vollkommen homogen, niemals
vollkommen gleich sein."
Pantomime-Gruppe aus Brno/Brünn
Die Eröffnungsvorstellung wird von einer Pantomime-Gruppe aus Brno/Brünn
gegeben, deren Akteure hauptsächlich hörgeschädigte Kinder und Jugendliche
sind. Doch auch ältere Schauspieler kommen zum Zug, wenn es darum geht,
mit Gestik und Mimik die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit
verschwimmen zu lassen.
Theatergruppe der Psychiatrischen Klinik Bohnice
Am Dienstag ist die Theatergruppe der Psychiatrischen Klinik Bohnice zu
sehen. Professionelle Theaterleute führen gemeinsam mit psychisch kranken
Schauspielern ein Stück auf, das von Erzählungen der Patienten inspiriert
ist. Von der Dramaturgin Vendula Kodetova wollte ich wissen, ob die
Theaterproben und -vorstellungen einen therapeutischen Effekt haben:
Pantomime-Gruppe aus Brno/Brünn
"Ja, selbstverständlich, ich sehe diese Arbeit vor allem als
Theaterarbeit aber auch als Raum für menschliches Zusammensein, und
deshalb bin ich überzeugt, dass die Theaterarbeit eine große
therapeutische Wirkung hat. Wir sprechen natürlich von einer Therapie und
müssen auch mit den Psychologen zusammenarbeiten. Selbstverständlich
kennen wir die Diagnosen unserer Mitglieder und diese längerfristige
Arbeit hat einen großen therapeutischen Effekt. Dadurch, dass wir keine so
genannte Verfahrenstherapie machen, sondern Theater in einem Raum
außerhalb der Psychiatrie spielen, konnten schon viele unserer Teilnehmer
so ihren Klinik-Aufenthalt verkürzen. Oder sie sind schon gesund und nur
noch ambulant dort beziehungsweise kehren zu ihren Familien zurück."
Romni-Sängerin Vera Bila (Foto: Jana Sustova, Radio Prag)
Doch zurück zum Festivalprogramm, das am Mittwoch im Ständetheater mit
Musik der Cracow Klezmer Band fortgesetzt wird. Die vier jungen Virtuosen
aus dem polnischen Krakau haben ihre musikalischen Wurzeln im
traditionellen jüdischen Klezmer. Musik aus einer Stadt, in der jeder
Stein ein stummer Zeuge der jüdischen Geschichte ist.
Das Programm endet am Donnerstag mit dem Auftritt der wohl erfolgreichsten
tschechischen Ethnopop-Gruppe um die Romni-Sängerin Vera Bila.
Die Veranstaltungen finden jeweils um 19 Uhr statt. Am Montag und Dienstag
im Nationaltheater (Narodni Divadlo) sowie am Mittwoch und Donnerstag im
Ständetheater (Stavovske Divadlo).
Foto: www.narodni-divadlo.cz





