Verschwundene Orte im Böhmerwald – Wissenschaftler arbeiten an interaktiver Karte

Auch aus dem Böhmerwald ist nach dem Krieg die deutschsprachige Bevölkerung vertrieben worden. In der Folge wurden zahlreiche Dörfer aufgegeben und gerieten in Vergessenheit. Nun arbeiten Wissenschaftler aus Südböhmen und Bayern gemeinsam an einem Projekt, bei dem diese wiederauferstehen sollen – und zwar virtuell.

Frühere Gemeinde Zadní Paště (Foto: Martina Schneibergová)Frühere Gemeinde Zadní Paště (Foto: Martina Schneibergová) Sie hießen Vorderweid oder Stadln und waren frühere Gemeinden im Böhmerwald. Ihre Bevölkerung – sie war mehrheitlich deutschsprachig. Als die Bewohner vertrieben wurden, folgten keine neuen Siedler nach. Die Häuser wurden zerstört, und heute erinnert teils nicht einmal mehr eine Mauer an die frühere Siedlung.

Nun aber sammeln tschechische und deutsche Wissenschaftler Daten über diese Gemeinden. Libor Dostálek leitet das Institut für angewandte Informatik an der Südböhmischen Universität in České Budějovice / Budweis. Er koordiniert das Projekt und sagte vor einigen Tagen in einem Interview für den Tschechischen Rundfunk:

„Ziel des Projektes ist, eine interaktive Landkarte zu erstellen mit Fotografien der verschwundenen Orte im Böhmerwald. Einige dominante Gebäude von damals könnten dann auch als 3-D-Bilder abgebildet werden.“

Libor Dostálek (Foto: Jana Trpišovská, Archiv des Tschechischen Rundfunks)Libor Dostálek (Foto: Jana Trpišovská, Archiv des Tschechischen Rundfunks) Gemeint sind etwa Kirchen oder Schulen. Die tschechischen Wissenschaftler arbeiten mit Informatikern von der Technischen Hochschule in Deggendorf zusammen.

„Sie haben betont, dass sie zwar die interaktive Karte herstellen können, wir aber die Daten sammeln müssten. Das ist vor allem Aufgabe unserer Archäologen und Kunsthistoriker. Wir konzentrieren uns also auf die Daten und ihre historiographische Auswertung. Und die bayerischen Kollegen werden die daraus gewonnenen Informationen dann auf der Landkarte abbilden“, so Dostálek.

Das Projekt ist auf drei Jahre angelegt. Die erste Phase geht voraussichtlich bis Ende dieses Jahres. Dabei werden historische Fotos aus dem Archiv des berühmten Ateliers Seidel in Český Krumlov / Krumau ausgewertet. Sie geben Auskunft über die früheren Siedlungen deutscher Bewohner im Böhmerwald. Libor Dostálek erläutert, wie dies vor sich geht:

Fotos aus dem Archiv des berühmten Ateliers Seidel (Foto: Lenka Nechvátalová, Archiv des Tschechischen Rundfunks)Fotos aus dem Archiv des berühmten Ateliers Seidel (Foto: Lenka Nechvátalová, Archiv des Tschechischen Rundfunks) „Wir kaufen für die Archäologen sogenannte Lidar-Daten von Satelliten-Aufnahmen. Das sind Daten über die Erdoberfläche ohne Vegetation. Anhand dieser Daten erforschen die Archäologen die Orte, die auf den Fotos zu sehen sind. Zunächst geschieht das im Büro, dann im Terrain, wo sie ihre Methoden anwenden, wie zum Beispiel, um eine mittelalterliche Siedlung zu erkunden.“

Erst ab Ende dieses Jahres oder Anfang kommenden Jahres soll auch die breitere Öffentlichkeit in das Projekt eingebunden werden. Libor Dostálek bittet daher Interessenten, noch Geduld zu haben und nicht jetzt schon Fotos oder Weiteres anzubieten.

„Das Interesse ist schon jetzt so groß, dass wir leider nicht allen in angemessener Form antworten können. Von den technischen Disziplinen her bin ich längst nicht so viel Interesse gewohnt und versuche immer, allen entgegenzukommen. In diesem Fall aber habe ich Angst, dass vielleicht viele Leute beleidigt sein könnten.“

Frühere Gemeinde Hůrka (Foto: David Sedlecký, CC BY-SA 3.0)Frühere Gemeinde Hůrka (Foto: David Sedlecký, CC BY-SA 3.0) Dies betonte Dostálek auch gegenüber Radio Prag. Ein Aufruf an die Öffentlichkeit werde daher gesondert erfolgen, betonte der Informatiker am Dienstag.

Im Übrigen bestehen bereits unterschiedliche Initiativen zu den verschwundenen Gemeinden im Böhmerwald – sie sind allerdings keine wissenschaftlichen Forschungsprojekte. Der Nationalpark Böhmerwald hat beispielsweise Fotoalben mit historischen Aufnahmen zusammengestellt. Sie kann man mitten im Nationalpark direkt am Ort einiger früherer Gemeinden durchblättern.