Tagesecho Umweltschützer und Ex-Minister warnen: Borkenkäfer-Bekämpfung könnte zur Blamage werden
Der Borkenkäfer spielt eine wichtige Rolle im Stoffkreislauf des Ökosystems Wald. Wahrgenommen werden die Borkenkäfer jedoch zumeist nur durch die starken Schäden, die einige Arten von ihnen nach Massenvermehrungen in Wäldern anrichten können. Wie im Böhmerwald. Deshalb will der neue Direktor der Verwaltung des Nationalparks Šumava (Böhmerwald), Jan Stráský, den Schädling Borkenkäfer aktiv bekämpfen. Die von ihm geplanten Maßnahmen reichen von der konsequenten Abholzung vom Borkenkäfer befallener oder auch nur bedrohter Bäume bis hin zum Versprühen von Insektenvernichtungsmitteln. Gegen diese drastischen Maßnahmen aber regt sich immer größerer Widerstand.
Borkenkäfergänge
In den Streit um die Bekämpfung des Borkenkäfers im Nationalpark
Böhmerwald haben sich nun auch sieben ehemalige tschechische
Umweltminister eingeschaltet. In einem offenen Brief warnen sie ihren
Amtsnachfolger Tomáš Chalupa vor einem Kahlschlag in den strengsten
Schutzzonen des Nationalparks. Würden vom Borkenkäfer befallene Bäume
gefällt, drohe die Entstehung von Freiflächen mit negativen Folgen für
das Ökosystem, schreiben die Ex-Minister. Und auch der Einsatz eines
giftigen Insektenbekämpfungsmittels bliebe nicht ohne Folgen, warnt
Ex-Umweltminister Bedřich Moldan:
Böhmerwald
„Die Grundlage aller natürlichen Prozesse beruht nicht nur auf der
sichtbaren Fauna und Flora, zu der auch die Bäume gehören, sondern auf
dem gesamten Ökosystem. Und gerade die Wirbellosen, die ein Opfer des
chemischen Eingriffs wären, sind ein ganz wichtiger Bestandteil dieses
Ökosystems.“
Nationalpark-Leiter Jan Stráský hatte im Februar nach seinem Amtsantritt eine aktive Bekämpfung des Borkenkäfers auch in den strengsten Schutzzonen gefordert. Dabei rief er im tschechischen Rundfunk zur Eile auf, da der Hauptschwärmflug des Borkenkäfers schon kurz bevor stehe. Eine Entscheidung von Umweltminister Chalupa in dieser Frage wird in den nächsten Tagen erwartet.
Tomáš Chalupa
In ihrem offenen Brief an Chalupa bekräftigen die ehemaligen
Umweltminister – namentlich Ladislav Miko, Bedřich Moldan, Libor
Ambrozek, Petr Kalaš, Martin Bursík, Jan Dusík und Rut Bízková –
außerdem, dass sie eine überlegte, auf wissenschaftlicher Grundlage
basierende und langfristig konzipierte Entscheidung im Kampf gegen die
Borkenkäferlage durchaus unterstützen würden. Das Hauruck-Prinzip des
Kahlschlags aber lehnen sie genauso ab wie die Umweltschützer:
„Als Wissenschaftler sind wir mit den Plänen von Nationalpark-Leiter Stráský nicht einverstanden, da sie das Wertvollste vernichten werden, was der Böhmerwald zu bieten hat“, erklärten unisono die führenden Umweltschützer Jakub Hruška und Jaromír Bláha. Sie gehören der Front an, die für die Naturbelassenheit des Böhmerwalds eintritt und aus dem Grunde auch schon einen neben der Naturpark-Verwaltung agierenden Wissenschaftler-Rat gegründet hat. Demgegenüber haben sich in den letzten Tagen und Wochen mehrere ortsansässige Kommunalpolitiker, Unternehmer und Einwohner zu Bürgerinitiativen für eine stärkere wirtschaftliche Nutzung ihrer Gegend zusammengeschlossen. Sie sympathisieren mit Jan Stráský:
Jan Stráský (Foto: Vendula Uhlíková, Tschechischer Rundfunk)
„Es haben sich zwölf Böhmerwald-Bürgervereinigungen gebildet, um
den
neuen Leiter der Nationalpark-Verwaltung zu unterstützen. Und zwar
deshalb, weil gegen ihn bereits eine ungewöhnlich scharfe und man kann
auch sagen beleidigende Kampagne geführt wird“, sagt Emil Kincl
von der
Vereinigung Otevřená Šumava (Offener Böhmerwald).
Falls sich die Pro-Stráský-Vertreter in ihren Bestrebungen durchsetzen würden, aber droht den Gemeinden des Böhmerwalds ein anderes Ungemach: Welches, dazu sagt Jaroslav Vrba von der tschechischen Akademie der Wissenschaften:
Jaroslav Vrba
„Wir haben bereits Signale vom Nationalpark Bayerischer Wald und
aus
Brüssel. Beide Seiten sind ziemlich überrascht von dem von Stráský
geplanten Schritt. Das EU-Diplom für Nationalparks erhalten nur die
bedeutendsten Naturschutzgebiete, zu denen unstrittig das gesamte Gebiet
des Böhmerwalds und des Bayerischen Walds gehört. Dieses
grenzüberschreitende Diplom sollten beide Nationalparks erhalten,
beziehungsweise es sollte auch für das böhmische Gebiet gelten.
Grundlage
dafür allerdings ist eine Zusammenarbeit beider Parks bei
Gemeinschaftsprojekten zum Schutze der wertvollsten Gebirgsbiotope. Das
alles aber stellt der neue Nationalpark-Leiter nunmehr in Frage und ich
denke, dass daraus noch eine große internationale Blamage werden
könnte.“







