Tagesecho Tschechischer Literaturbetrieb: Kommunistische Vergangenheit zieht noch immer
Vor gut 20 Jahren war der europäische Kontinent in Bewegung. Mittel- und osteuropäische Staaten - darunter auch die ehemalige Tschechoslowakei – schüttelten die kommunistische Herrschaft ab. Der Buchmarkt profitierte von der neu gewonnenen Freiheit. Und vor allem konnte man sich nun auch literarisch an der kommunistischen Vergangenheit abarbeiten. Radio Prag hat nachgefragt, ob das immer noch ein Thema ist.
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Die „Samtene Revolution“ in der ehemaligen Tschechoslowakei brachte
Meinungs- und Pressefreiheit: Tschechische Schriftsteller konnten wieder
frei atmen. Die Literaturlandschaft blühte auf und mit ihr der Buchmarkt,
wie die Mitarbeiterin des tschechischen Online-Literaturportals
„Iliteratura“ Jitka Kolářová rückblickend sagt:
„Die vergangenen 20 Jahre haben viel Neues gebracht. Nach der ‚Samtenen Revolution’ war das vor allem der offene, der endlich freie Buchmarkt. Ende 1989 gab es hier in der ehemaligen Tschechoslowakei etwa 50 staatliche Verlagshäuser. Das erste private Verlagshaus ist bereits im Dezember 1989 entstanden. Es war das renommierte Verlagshaus ‚Paseka’. In den Folgejahren sind etwa 2000 neue private Verlagshäuser entstanden. Bis heute sind es mehr als 4.300 registrierte Verlage.“
November 1989
Nach 1989 schossen die tschechischen Verlage also wie Pilze aus dem Boden.
Sie mussten den Lesehunger der Bevölkerung stillen. Im Kommunismus
regierte im Literaturbetrieb der Rotstift. Zensur war an der Tagesordnung.
Das betraf vor allem Dissidenten- und Emigrantenliteratur oder auch die
Literatur des Existenzialismus. Für die Verlage war die Vielzahl neuer
Veröffentlichungen aber eine große Herausforderung, denn, so Kolářová:
„Die Bücher wurden in immensen Auflagen herausgegeben. Der Buchmarkt wurde überschwemmt. Mit der Zeit hat es sich gezeigt, dass das Angebot am Anfang zu breit war. Und nun musste sich zeigen, was sich lohnt herauszugeben, worin das Leserinteresse bestand und worin eher nicht. Das war ein Effekt des freien Marktes, würde ich sagen.“
Ein Thema lohnte sich aber ganz gewiss: die kommunistische Vergangenheit.
Bis heute klingt das Interesse darin nicht ab. Michal Viewegh, Jiří
Kratochvil, Tomáš Zmeškal oder Jáchym Topol – das sind bekannte
tschechische Autoren der Gegenwart, die in ihren Romanen das Leben in der
kommunistischen Tschechoslowakei ins Blickfeld rücken.
Neben der
Belletristik rückte in den vergangenen Jahren aber auch ein anderes Genre
in den Mittelpunkt des Leserinteresses: die Sachliteratur. Dazu
Kolářová:
„Das größte Interesse liegt, glaube ich, bei der Non-Fiction. Dass
heißt, man beschäftigt sich mit der Geschichte, also mit konkreten Daten.
Es zeigen auch die Bestseller-Listen, die regelmäßig veröffentlicht
werden, dass die Aufarbeitung der Geschichte auf wissenschaftlicher Basis
sehr wichtig ist.“
Ob Belletristik oder Sachliteratur – die jüngste tschechoslowakische Geschichte bleibt ein Thema und der Buchmarkt profitiert davon bis heute.








