Tagesecho Tschechische Jugendliche trinken immer mehr Alkohol

21-02-2012 16:24 | Till Janzer

Westliche Medien berichten gerne über Tschechien als Drogenparadies. Verwiesen wird dabei besonders häufig auf den lockeren Umgang mit Marihuana unter jungen Menschen. Nun wurden die Ergebnisse einer Untersuchung über den Konsum legaler und illegaler Drogen von Schülerinnen und Schülern aus 36 europäischen Ländern vorgestellt. In der so genannten Espad-Studie, die alle vier Jahre veröffentlicht wird, erscheint Tschechien erneut in einem unschönen Licht: Der Alkoholkonsum unter Jugendlichen ist extrem angestiegen. Dabei lag das Land hierbei schon zuvor an der Spitze Europas.

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Foto: Europäische KommissionFoto: Europäische Kommission Eine Geburtstagsfeier junger Leute im mährischen Brno / Brünn. Zum Schluss ziehen die Partygäste in eine nahe Kneipe, darunter auch ein Mädchen unter 18 Jahren zusammen mit seinem volljährigen Bruder. Das Pech: Die Polizei macht an diesem Abend eine Razzia. Auf der Polizeistation gesteht der Bruder gegenüber dem Tschechischen Fernsehen:

„Sie hatte 0,89 Promille intus, nun sind wir hier. Unser Vater wird uns abholen. Sie wird ne Ohrfeige bekommen, ich auch, das wird schon wieder.“

Foto: Archiv der Brünner PolizeiFoto: Archiv der Brünner Polizei Insgesamt 40 betrunkene oder angetrunkene Minderjährige gehen an diesem Abend der Brünner Polizei in die Fänge. Die Zahlen verwundern kaum, wenn man die neue Espad-Studie betrachtet. In Tschechien wurden dafür mehr als 3900 Jugendliche der neunten und zehnten Klassen von 360 Schulen befragt. Jindřich Vobořil leitet die Antidrogenpolitik der tschechischen Regierung und erläutert die Ergebnisse im Bereich Alkoholkonsum:

„Seit der ersten Studie, die im Jahr 1995 erstellt wurde, hat sich bei uns der Alkoholkonsum von Jugendlichen bis 16 Jahre fast verdoppelt. Zudem wird Bier verstärkt durch harten Alkohol ersetzt.“

IJindřich Vobořil (Foto: Archiv des Regierungsamtes der Tschechischen Republik)Jindřich Vobořil (Foto: Archiv des Regierungsamtes der Tschechischen Republik) m Jahr 1995 sagten zum Beispiel 14 Prozent der befragten tschechischen Jugendlichen, sie seien mindestens dreimal im Monat betrunken. Mittlerweile bekennen sich dazu sogar 21 Prozent: und zwar 16 Prozent der Mädchen und 26 Prozent der Jungen. Dadurch droht den Jugendlichen aber nicht nur die Abhängigkeit vom Alkohol.

„Die Studien der vergangenen zehn Jahre zeigen, dass sich die Drogenszene gewandelt hat und Alkohol und illegale Drogen nicht mehr voneinander getrennt sind. Das heißt, dort wo bereits im frühen Alter viel und regelmäßig Alkohol getrunken wird, besteht ein höheres Risiko, auch illegale Drogen zu nutzen“, so Jindřich Vobořil.

Im Übrigen haben fast alle tschechischen Jugendlichen bis 16 Jahren (98 Prozent) bereits Erfahrung mit Alkohol gemacht. Die neueste Studie erfasst aber auch erneut den Marihuana-Konsum. Tschechien steht weiterhin europaweit an der Spitze, denn 42 Prozent der Jugendlichen bis 16 Jahre haben schon einmal diese illegale Droge probiert. Immerhin bedeutet dies einen leicht rückläufigen Trend gegenüber 2007. Was kann man aber gegen den Missbrauch von Alkohol und Marihuana machen, und wo liegen die Gründe? Noch einmal Jindřich Vobořil:

„Die Jugendlichen sind wohl vor allem schlecht informiert. Man muss viel mehr Präventivmaßnahmen starten, davon gibt es sowohl bei Marihuana, als auch bei Alkohol zu wenig. Die tschechische Gesellschaft ist allgemein ziemlich tolerant gegenüber Alkohol. Man sagt: Es wurde immer schon getrunken und es wird weiter getrunken. Ich würde eher sagen: So wie heute wurde noch nie getrunken.“

Der einzig eindeutig positive Aspekt der Studie betrifft die harten Drogen. Zu denen greifen die Jugendlichen hierzulande weniger häufig als anderswo in Europa.

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