Tschechisch-deutsches Zeitzeugenprojekt geht zu Ende

Holocaust, Zwangsarbeit, Vertreibung und Normalisierung – darüber haben in den vergangenen Jahren zahlreiche Zeitzeugen in Schulen in Sachsen und Nordböhmen berichtet. Koordiniert wurden die Begegnungen auf deutscher Seite von der Brücke/Most-Stiftung und auf tschechischer Seite vom Collegium Bohemicum im Rahmen eines europäischen Projektes. Nach drei Jahren geht die Finanzierungszeit nun zu Ende. Diese Woche wurde bei einem Treffen in Prag Bilanz gezogen.

Lisa Miková (Foto: Werner Imhof, Archiv Collegium Bohemicum)Lisa Miková (Foto: Werner Imhof, Archiv Collegium Bohemicum) Es sind Menschen wie Lisa Miková, die von ihrem Schicksal erzählt haben. Lisa Miková hat den Holocaust überlebt. Die Prager Jüdin schilderte Schülerinnen und Schülern beiderseits der Grenze, wie sie in einem tschechisch-deutsch-jüdischen Schmelztiegel aufgewachsen ist, dann von den Nazis nach Theresienstadt und Auschwitz verschleppt wurde und dennoch überlebte. Die Begegnungen mit ihr dauerten im Schnitt anderthalb Stunden. Die Reaktionen seien sehr unterschiedlich gewesen, sagt Miková:

„Manchmal sitzen sie und hören zu, und die Reaktion ist gleich null – ganz egal, ob das deutsche oder tschechische Schüler sind. Dann gibt es auch wieder Klassen, die ungeheuer wissbegierig sind, die Fragen stellen. Dann kann es auch passieren, dass es länger dauert.“

Thomas Oellermann und Werner Imhof (Foto: Milan Rudik, Archiv Collegium Bohemicum)Thomas Oellermann und Werner Imhof (Foto: Milan Rudik, Archiv Collegium Bohemicum) Die Idee der tschechisch-deutschen Zeitzeugenbegegnungen hat Werner Imhof von der Brücke/Most-Stiftung bereits vor zehn Jahren entwickelt. Vor dem aktuellen Projekt, das 2010 gestartet wurde und nun zu Ende geht, betreute er bereits zwei ähnliche Begegnungsreihen. Mit den Jahren wurde immer mehr Wert darauf gelegt, dass sich die Schulklassen gut vorbereiten, zum Beispiel mit einer Spurensuche in ihrem eigenen Ort. Anfangs gingen vor allem ehemalige NS-Zwangsarbeiter in die Klassen, dann standen zunehmend Holocaust-Überlebende im Mittelpunkt der Begegnungen. Mittlerweile ist die Mischung sehr bunt.

Zeitzeugentreffen (Foto: Thomas Oellermann, Archiv Collegium Bohemicum)Zeitzeugentreffen (Foto: Thomas Oellermann, Archiv Collegium Bohemicum) „Im dritten Projekt jetzt – ‚Geschichte verbindet’ –, was Ende 2012 leider zu Ende geht, haben wir das Spektrum der Zeitzeugen stark erweitert. Das betrifft auch die Zeiträume, die wir abdecken. Gerade das Collegium Bohemicum hat viele Kontakte zu Menschen eingebracht, die Deutschböhmen sind – Vertriebene und nicht Vertriebene, Sozialdemokraten, Widerstandskämpfer“, sagt Werner Imhof.

Weitere Zeitzeugen waren zum Beispiel ein Hiroshima-Überlebender oder ein DDR-Bürgerrechtler aus Leipzig, sagt Imhof. Sie gingen eher an deutsche Schulen. Die Vertriebenen besuchten hingegen die Schulen in den tschechischen Orten, aus denen sie vertrieben wurden. Thomas Oellermann vom Collegium Bohemicum hat diese Begegnungen betreut:

„Das Thema steht in den tschechischen Lehrplänen. Das heißt, es lässt sich auch ganz gut in den Unterricht integrieren. Wir haben darüber hinaus aber auch einige Veranstaltungen für die Öffentlichkeit geleitet – zum Beispiel eine kleine Veranstaltungsreihe in Ústí nad Labem / Aussig, bei der wir Zeitzeugen aus ihrem Leben und von ihren Erfahrungen erzählen ließen.“

Zeitzeugentreffen (Foto: Thomas Oellermann, Archiv Collegium Bohemicum)Zeitzeugentreffen (Foto: Thomas Oellermann, Archiv Collegium Bohemicum) Den reinen Zahlen nach ist das Projekt sehr erfolgreich verlaufen. Insgesamt fanden in den vergangenen drei Jahren in Nordböhmen und Sachsen 162 Begegnungen statt, mit über 5500 Teilnehmern. Doch eine Fortsetzung der Zeitzeugenarbeit an den Schulen ist fraglich. Blanka Mouralová, Leiterin des Collegium Bohemicum:

„Bei uns sind alle Tätigkeiten auf der Basis von Projekten finanziert. Das heißt, wenn wir eine Fortsetzung wollen, dann brauchen wir wieder eine projektbezogene Unterstützung. Es wurde ein weiteres Projekt im Programm Ziel 3 vorbereitet. Darüber wurde noch nicht entschieden. Das Geld in diesem Programm ist derzeit knapp, wir glauben also kaum, dass das Projekt noch genehmigt wird und suchen gerade nach weiteren Wegen der Finanzierung.“