Treffpunkt der Elite und der Prag-Besucher – Das Café Slavia

Kaffee, Särglein mit Sahne und große Geschichte – kaum ein anderes Kaffeehaus haben die Prager so tief in ihrem Bewusstsein verankert wie das Slavia. Das Café am Nationaltheater hat eine bewegte Vergangenheit, die nicht immer so süß war, wie die Torten und Palatschinken.

Café Slavia (Foto: Petr Vilgus, CC BY-SA 3.0)Café Slavia (Foto: Petr Vilgus, CC BY-SA 3.0) Wo sonst als hier hätte Bedřich Smetana an seiner weltberühmten Moldau arbeiten können. So bot sich dem Komponisten einer der schönsten Blicke auf die Prager Burg und den Fluss, dem er in einer seiner bekanntesten Kompositionen ein Denkmal gesetzt hat. Es ist der Platz, auf dem das heutige Café Slavia steht.

Seit seiner Eröffnung im Jahr 1884 war das Kaffeehaus Slavia ein Treffpunkt für die kulturelle Elite des Landes. Vor allem Schauspieler aus dem gegenüberliegenden Nationaltheater gingen hier ein und aus, die bekanntesten Stammkunden waren Jan Werich und Jiří Voskovec. Aber auch Künstler und Schriftsteller wie die Brüder Čapek, Karel Teige, Vítězslav Nezval oder der bisher einzige tschechische Literatur-Nobelpreisträger, Jaroslav Seifert, holten sich ihre Inspiration im Slavia. Letzterer widmete dem Kaffeehaus sogar eines seiner Gedichte.

Café Slavia (Foto: Ondřej Tomšů)Café Slavia (Foto: Ondřej Tomšů) „Von der Uferstraße durch eine Geheimtür aus so klarem Glas, dass sie fast unsichtbar ist, und deren Angeln geschmiert sind mit Rosenöl, pflegte Guillaume Apollinaire einst einzutreten“, schrieb Seifert eingangs seiner Lyrik.

Der Kurzbesuch des französischen Dichters Apollinaire im Jahr 1902 ist der Ausgangspunkt für das Gedicht. Jaroslav Seifert ließ sich dabei nicht nur durch das Interieur des Cafés von der Muse küssen, sondern auch von einer Spezialität des Hauses. Welche das war, weiß Zuzana Matějková. Sie ist die Managerin des Cafés:

„Jaroslav Seifert hat damals Kaffee mit Absinth getrunken, das beschreibt er ja auch in seinem Gedicht über das Café Slavia. Dort schildert Seifert, wie er nach einem Glas Absinth nicht mehr die Moldau und den Laurenziberg (Petřín) sieht, sondern die Seine und den Eifelturm. Absinth wurde hier nämlich von Anfang an getrunken.“

Gemälde „Absinthtrinker“ von Viktor Oliva (Foto: Ian Willoughby)Gemälde „Absinthtrinker“ von Viktor Oliva (Foto: Ian Willoughby) Längst gehört so auch das Gemälde „Absinthtrinker“ von Viktor Oliva zum unübersehbaren Inventar des Cafés im Stil des Art Déco der 30er Jahre. Und gleich neben dem Bild trifft man auf den Stammplatz jenes großen Tschechen, der wie kein Zweiter die neuzeitliche Geschichte des Landes geprägt hat: Dissident und Dichterpräsident Václav Havel. Zuzana Matějková:

„Václav Havel saß immer hinten links am Fenster, von wo er einen tollen Blick auf seinen langjährigen Amtssitz, die Burg, hatte. An seinem Platz ist auch ein Foto von ihm. Es war ein Platz für Raucher, denn Havel hat wirklich viel geraucht.“

Havel hat aber ebenso um sein geliebtes Slavia gekämpft. Anfang der 1990er Jahre wurde das Kaffeehaus von einem amerikanischen Investor gemietet und war dann sieben lange Jahre geschlossen. Viele Menschen protestierten, so auch Havel, der mit einer von ihm initiierten Petition die Wende einleitete. Seit 1998 ist es wieder geöffnet. Seitdem können die zahlreichen Gäste neben einer großen Palette an Kaffees und anderen Getränken auch wieder die Desserts des Hauses genießen:

„Das sind zum Beispiel die Kräpfchen, die wir schon seit Jahrzehnten nach einer überlieferten Rezeptur zubereiten. Wir bieten sie aber nicht ständig an, sondern einmal in der Woche oder in zwei Wochen. Und da wären natürlich noch unsere Klassiker wie der Spritzkuchen und die zuckrigen Särglein mit Sahne.“

Café Slavia (Foto: Ondřej Tomšů)Café Slavia (Foto: Ondřej Tomšů)Café Slavia (Foto: Ondřej Tomšů)Café Slavia (Foto: Ondřej Tomšů)Café Slavia (Foto: Ondřej Tomšů)

Für Zuzana Matějková ist es sehr wichtig, dass sich die Gäste im Slavia wohlfühlen. Die Managerin glaubt, hier sei der ideale Ort zum Entspannen in einem wunderbaren Ambiente und bei gediegener Musik. Täglich von 17 bis 23 Uhr greift nämlich ein Klavierspieler in die Tasten des altehrwürdigen Piano:

„Er spielt sowohl klassische Musik und tschechische Filmmusik, als auch internationale Ohrwürmer. In jedem Fall ist es aber Musik, durch die die einmalige Kaffeehaus-Atmosphäre nicht gestört wird. Zu dieser Musik können sich unsere Gäste also angenehm unterhalten oder auch zu Abend essen.“

Am meisten freut es die Managerin, wenn die Gäste auch Interesse für die über 130-jährige Geschichte des Cafés zeigen. Vieles davon erfahre man zwar im Internet oder in den sozialen Medien, doch nicht alle Episoden seien dort auch wahrheitsgetreu wiedergegeben. Ein netter Plausch mit ihr oder dem weiteren Personal des Hauses könne da für Klarheit sorgen, so Matějková.