Tagesecho "Tango Solo" - die Sucht nach der unbekannten Nähe

08-06-2005 16:03 | Tatyana Synková

Die Tangomania bricht in Prag aus. Am 09. Juni ganz besonders, wenn das Stück "Tango Solo" seine Uraufführung hat. Das Divadlo na Vinohradech, also das Theater in den Weinbergen entschloss sich das deutsche Stück übersetzen zu lassen und zwölf tangosüchtige Schauspieler aufzutreiben, die dieses Tanztheater zum Leben erwecken sollen. Tatyana Synková hat sich anstecken lassen:

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Tango Solo (Foto: www.dnv-praha.cz)Tango Solo (Foto: www.dnv-praha.cz) Es gibt Alkoholiker und Workoholiker. Aber gibt es auch Tangoholiker? Den ersten Süchtigen habe ich gefunden. Torsten Buchsteiner, der Autor des Stückes, gibt zu, einmal Tangosüchtig gewesen zu sein. Und aus dieser Sucht heraus fing er im Jahre 2000 an, sein bis jetzt drittes Drehbuch zu schreiben. "Tango Solo" spielt in einem Berliner Tangoclub, der fast täglich mit eingefleischtem Stammpublikum besetzt ist, das sich durch seine Tangosucht und der damit verbundenen Oberflächlichkeit von dem eigentlichen Problem der Einsamkeit ablenkt. Wie Torsten Buchsteiner zu seiner Manie gekommen ist?

"Meine Großeltern und meine Eltern haben eine längere Tradition mit dem Tanzen und deswegen war es eigentlich nur klar, selbstverständlich und logisch, dass ich als in der dritten Generation Nachkommender dann auch zum Tanzkurs gehen sollte, was ich dann auch tat. Und ich habe angefangen, den Fortschrittkurs zu belegen, dann den Bronze-Kurs, Silber, Gold, Goldstar, ich habe angefangen als Springer zu arbeiten. Ein Freund von mir hatte unweit von der Bergmannstraße eine Tanzschule, und zwar das Bee BoB. Ich habe in diesem ersten Jahr ungefähr 20.000 Mark dem Tango gewidmet. Ich habe ein Jahr lang nichts anderes gemacht, mich um nichts anderes gekümmert. Ich war einfach total im Fieber."

Aus diesem Fieber heraus hat er dann im Jahre 2000 angefangen das Skript zu schreiben - und zwar auf sehr lustige Art und Weise. Er hat während seiner Suchtjahre fleißig seine Erinnerungen auf Zettel geschrieben, Tangoweisheiten oder Dialoge, die Freunde erzählt haben, Musik, die ihm besonders gefallen hat; Kleidung, die Frauen getragen haben. Und so ist Stückchen für Stückchen das Drehbuch entstanden. Bis es dann im Jahre 2002 vollendet war. Anfang 2005 hat sich dann das Prager Theater mit der Bitte gemeldet, das Stück hier uraufführen zu können. Und so ist es dann auch gekommen.

Was für ein Gefühl der Tango und das Stück erwecken, beschreibt Torsten Buchsteiner:

"Es ist eine große Einsamkeit, deswegen heißt das Stück auch Tango Solo. Die Musik ist wahnsinnig schwermütig, und das heißt, dass die Sehnsucht nach Sex oder körperlicher Nähe steigt. Es ist halt sehr physisch. Das ist eine obskure Situation. Wenn ich dich auffordere, und wir kennen uns nicht. Dann kommen wir so nah zusammen, ich rieche wie du riechst, du riechst wie ich rieche. Es ist wahnsinnig. Es kann entweder sofort Chemie in Gang setzen, es kann aber auch sein, dass du denkst: Bitte nicht!"

Das Theaterstück ist jedem zu empfehlen, der Tangomusik und deren Lebensgefühl mag und versteht. Aber auch einen Sinn für Erotik sollte man mitbringen, denn wirklich salonfähig ist das Stück nicht.

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