Späte Anerkennung: Tschechische Roma erhalten Entschädigungen für Völkermord

Am 2. August wurde auch in Tschechien an den Porajmos erinnert, den Völkermord an den europäischen Sinti und Roma während des Nationalsozialismus. Die deutsche Bundesregierung wird ihnen, mehr als 70 Jahre nach den Verbrechen, eine Entschädigung zahlen. Strahinja Bucan berichtet.

Ehemaliges KZ in Hodonín (Foto: Jana Šustová)Ehemaliges KZ in Hodonín (Foto: Jana Šustová) Lety und Hodonín – diese Namen haben sich tief in das Gedächtnis der tschechischen Roma eingebrannt. Es handelt sich dabei um die Konzentrationslager der Nazis, die ausschließlich für die Roma in Tschechien eingerichtet wurden. Von dort aus wurden viele weiter nach Auschwitz verschleppt. Rund 90 Prozent der tschechischen Roma kamen ums Leben.

Lange Zeit war der Völkermord an den Roma kein Thema – weder in Tschechien noch in Deutschland. Man sei sich nicht bewusst gewesen, dass auch die Roma das gleiche Schicksal haben sollten wie die Juden – die Auslöschung als Ethnie. Dies sagt Jiří Šitler, ehemaliger Beauftragter der tschechischen Regierung für Fragen um den Holocaust:

Jiří Šitler (Foto: Archiv des tschechischen Außenministeriums)Jiří Šitler (Foto: Archiv des tschechischen Außenministeriums) „Zu dieser Erkenntnis ist es auf beiden Seiten erst schrittweise gekommen. Bis in die 1980er Jahre hat noch niemand von einem Roma-Holocaust gesprochen. Er ist erst im Laufe der 1990er Jahre zum Thema geworden. Mit dem Völkermord an den Roma genauso umzugehen wie mit dem an den Juden, ist eine Sache der vergangenen 15 bis 20 Jahre.“

Und das, obwohl die Roma-Verbände wiederholt darauf hingewiesen hätten, ergänzt Šitler.

Erst jetzt ist es dem tschechischen Außenministerium gelungen, eine Vereinbarung mit der deutschen Seite zu treffen. Michaela Lagronová ist Sprecherin des Außenministeriums in Prag:

„Vor einigen Wochen ist doch grünes Licht aus Deutschland gekommen. Den Opfern des Roma-Holocaust soll eine Entschädigung von einmalig rund 2500 Euro pro Person gezahlt werden.“

Čeněk Růžička (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prag)Čeněk Růžička (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prag) Vor allem die unklare Rechtslage in Deutschland hätte den Prozess ungemein in die Länge gezogen, so Jiří Šitler. Und das trotz guten Willens.

Zur Zahlung der Entschädigung hat auch der Ausschuss für die Entschädigung der Opfer des Roma-Holocaust beigetragen. Zunächst sollten an die 15 Überlebenden den Betrag letztlich erhalten, sagt Čeněk Růžička, Vorsitzender der Bürgerinitiative:

Es handele sich dabei um Personen, die bereits über 80 Jahre alt seien, erklärt Růžička. Drei von ihnen seien zudem ans Bett gefesselt.

Foto: Archiv des Museums für Roma-KulturFoto: Archiv des Museums für Roma-Kultur Ursprünglich sollten sich Umfang und Modus der Entschädigungen an den sogenannten „Ghetto-Renten“ für jüdische Holocaust-Überlebende in Osteuropa orientieren. Diese bekommen rund 300 Euro monatlich zu ihrer Rente hinzu. Das sei ein angemessener Betrag, meint Čeněk Růžička.

Laut Jiří Šitler sind die Zahlungen an die tschechischen Roma ein weiterer Schritt in einem langen Prozess mit dem Ziel: Vollständige Anerkennung der Verbrechen an den europäischen Sinti und Roma. Erst vor kurzem hätten beispielsweise die niederländischen Sinti ebenfalls eine Zusage bekommen, die rumänischen Roma würden hingegen noch nicht berücksichtigt.