Sowjet-Einmarsch 1968: neue Erkenntnisse von Historikern

Der 21. August 1968 war ein traumatischer Tag für die Menschen in der Tschechoslowakei: Panzer des Warschauer Paktes rollten ins Land. Nun haben Geschichtswissenschaftler neue Erkenntnisse gewonnen.

Prokop Tomek (Foto: Anton Kajmakov) Prokop Tomek (Foto: Anton Kajmakov) Mit dem Einmarsch stoppten die Sowjets die kommunistische Reformbewegung „Prager Frühling“. Wie sich mittlerweile belegen lässt, wurden vom 21. August bis Ende Dezember des Jahres mehr Tschechen und Slowaken getötet, als bisher angenommen. Prokop Tomek ist einer der beiden Historiker, die am Donnerstag in Prag eine neue Studie zu den Opfern vorgestellt haben:

„Wir haben die Zahl der bekannten Opfer von 108 auf 137 nach oben korrigieren müssen. Das liegt daran, dass wir nun mehr Informationen über diese Menschen erhalten haben. Damals war die Lage unübersichtlich, und die Ermittlungsakten zu den Todesfällen sind sehr unvollständig. In einigen Fällen wurden die Ermittlungen nicht einmal aufgenommen.“

Tomek und sein Kollege Ivo Pejčoch hatten allerdings schon vor zwei Jahren von 135 Toten gesprochen. Im neuen Buch holen sie einige von ihnen aus der Anonymität, unter anderem mit Fotos aus den Archiven der Familien. Antonín Abraham beispielsweise wurde von einem Panzer überfahren. Er hatte im Ersten Weltkrieg bei der tschechoslowakischen Legion in Russland gedient. Abraham war mit 91 Jahren das älteste Opfer.

Ivo Pejčoch (Foto: Anton Kajmakov) Ivo Pejčoch (Foto: Anton Kajmakov) Beide Historiker haben sich zudem mit der anderen Seite beschäftigt. Russische Quellen sprechen bis heute von 102 Todesopfern aufseiten der Sowjettruppen. Davon sollen zwölf von sogenannten konterrevolutionären Kräften erschossen worden sein.

„Wir haben aber keinen einzigen Fall gefunden, bei dem Tschechen oder Slowaken einen Soldaten der Besatzungstruppen ermordet hätten. Genau das hatte die sowjetische Propaganda damals behauptet“, so Tomek.

Zum Tod der Soldaten kam es hingegen auf andere Weise. Ivo Pejčoch:

„Die Soldaten, die erschossen wurden, kamen durch Friendly Fire ums Leben oder durch andere Unglücksfälle.“

Die Geschichtswissenschaftler räumen zudem mit einer weiteren Annahme auf. Demnach soll es erst 1969 zu größeren Protesten gegen die sowjetische Besatzung gekommen sein. Die gab es jedoch bereits im Herbst 1968.

Die Besetzung 1968 und ihre Opfer (Foto: Anton Kajmakov)Die Besetzung 1968 und ihre Opfer (Foto: Anton Kajmakov) „Wir haben herausgefunden, dass bereits am 28. Oktober Demonstrationen unterdrückt wurden, also am 50. Jahrestag der Staatsgründung. Und genauso am 7. November, dem Jahrestag der russischen Oktoberrevolution. Beide Male ist die Staatsmacht hart gegen demonstrierende Studenten vorgegangen, was bisher nicht bekannt war“, sagt Pejčoch.

Am 7. November wurden – wie an jedem Jahrestag der Oktoberrevolution – auch Sowjetflaggen in den Straßen gehisst. Prokop Tomek:

„Das hat in jenem Jahr zu einer unerwartet bösartigen Reaktion bei der Bevölkerung geführt. In vielen Städten gab es große Demonstrationen, die Flaggen wurden heruntergerissen und angezündet. Da die Menschen die öffentlichen Symbole des Kommunismus zerstörten, griff die Polizei brutal durch.“

 

Das Buch von Tomek und Pejčoch heißt „Okupace 1968 a její obětí“ (Die Besetzung 1968 und ihre Opfer).