Tagesecho Rundfunkexperte Brod: Radio Prag sollte stets Überblick über politische Lage im Land geben
Zum Senderjubiläum hatte Radio Prag auch die Möglichkeit, mit einem profunden Kenner der Medienwelt zu sprechen – mit Peter Brod. Der 60-jährige Brod hat viele Jahre als Rundfunkjournalist für die renommierten Sender BBC und Radio Freies Europa gearbeitet, er war ebenso mehrere Jahre Redakteur und dann Korrespondent der „Süddeutschen Zeitung“. Das Gespräch mit ihm führte Lothar Martin.
Peter Brod (Foto: Kristýna Maková)
Herr Brod, dank Ihrer langjährigen Tätigkeit beim Rundfunk kennen Sie die
Rolle und Bedeutung eines Auslandsenders ganz genau. Aus Ihrem Blickwinkel
betrachtet: Wie hat sich Radio Prag in den 75 Jahren seiner Existenz
geschlagen?
„Ich glaube, es hat sich gut geschlagen. Es ist natürlich zu bedenken, dass es vor dem Krieg der Sender eines relativ kleinen Landes war und nach dem Krieg bis 1989 der Sender eines, sagen wir, mittleren Landes mit etwa 14 bis 15 Millionen Einwohnern. Daran gemessen hat die tschechoslowakische Regierung beziehungsweise das Außenministerium, die den Sendeauftrag gaben, relativ viel Geld aufgewendet. Dies war auch nötig, denn das Radio und besonders die Auslandssendungen des Tschechischen oder Tschechoslowakischen Rundfunks spielten eine wichtige Rolle in einigen Krisenmomenten der tschechoslowakischen Geschichte, zum Beispiel zur Zeit des Münchener Abkommens. Das Radio war die Auslandsstimme dieses Landes, das umkämpft war, dessen Demokratie in Gefahr war. Der Staat hat, und vor allem dann auch der spätere kommunistische Staat aus anderen Gründen, dem Sender große Aufmerksamkeit gezollt. Insofern war der Sender wichtig. Es ist natürlich etwas anders seit der Teilung des Landes Anfang der 90er Jahre. Jetzt ist es der Sender eines Landes von etwa zehn Millionen Einwohnern – manche würden sagen, es ist ein kleines Land. Und dieses kleine Land hat natürlich in letzter Zeit auch gewisse wirtschaftliche Schwierigkeiten, so dass zum Beispiel die Kurzwellensendungen eingestellt werden mussten. Dennoch, so glaube ich, rechnen der Staat und der Tschechische Rundfunk mit der Weiterexistenz dieses Senders und werden demgemäß seiner weiteren Entwicklung auch viel Aufmerksamkeit widmen.“
Radio-Prag-Zelt am 31. 8. 2011 (Na Příkopě Str.). Foto: Kristýna Maková
Dank Ihrer Sprachkenntnisse halten Sie sich öfters auch im deutsch- und
englischsprachigen Ausland auf. Welche Informationen aus Tschechien sind
Ihres Wissens nach bei Radio-Prag-Hörern im Ausland besonders gefragt? Und
Sie persönlich, greifen auch Sie öfters auf Sendungen oder Informationen
von Radio Prag zurück? Wenn ja, was interessiert Sie am meisten?
„Ich beginne mit Ihrer zweiten Frage: Hören kann ich Radio Prag im Moment nicht, dazu müsste ich einen mobilen Internetzugang haben, um es auf Reisen zu hören. Ich verfolge natürlich die Internetseiten und hoffe, dass ich eines Tages ein Smartphone haben werde, auf dem diese Sendungen einfach zu empfangen sind.
Was die Zuhörer und Internetnutzer jetzt von Radio Prag erwarten ist,
einen allgemeinen Überblick über die politische Lage im Lande zu
erhalten. Allzu tiefgehend muss dieser Überblick sicher nicht sein, denn
wie Sie und die Hörer wissen, ist die tschechische Politik sehr
kompliziert und selbst für die tschechischen Kommentatoren mitunter schwer
zu durchschauen. Wir erleben dies gerade in diesen Tagen durch die letzte
Regierungskrise, die so verzwickt und verwickelt war, dass selbst einige
Kommentatoren des Tschechischen Rundfunks offen bekannten, sie wüssten
nicht mehr, was da gespielt werde. Also derart ins Detail sollte man für
das ausländische Publikum vielleicht nicht gehen, aber man sollte einen
allgemeinen Abriss der politischen Lage geben. Außerdem denke ich,
interessiert die Leute im Ausland vor allem die Kulturgeschichte des
Landes, Sendungen über das alltägliche Leben der Menschen hier im
Vergleich zu anderen Ländern der EU oder der NATO. Schließlich ist
Tschechien in beiden Organisationen dabei, aber spielt eine gewisse
Sonderrolle, vor allem in der EU. Der Euro ist noch nicht eingeführt
worden und es gibt auch mehrere Besonderheiten in der Außenpolitik; so
werden etwa manchmal zum Nahost-Konflikt eigene Ansichten gegenüber den
anderen EU-Ländern vertreten. Diese feinen Unterschiede sollte man schon
erwähnen und erklären. Zudem sollte man natürlich tief in die Geschichte
dieses schönen und kulturell sehr reichen Landes greifen. Das ist auch
wichtig wegen der Touristikindustrie, und Radio Prag ist sozusagen eine
Auslage des Landes, ein Fenster in das Land. Der Staat verfolgt durch die
Aufrechterhaltung von Radio Prag natürlich auch gewisse Ziele im Blick auf
den Tourismus. Die Leute sollen wissen, was sie in Tschechien Einmaliges
und Besonderes erwartet und die Leute aus dem Ausland immer wieder
anzieht.“
Foto: Kristýna Maková
Heutzutage ist die Medienwelt breiter und informativer als je zuvor. Das
Internet ist als globale Plattform dazugestoßen, die Rollen im Bereich
Medien und Kommunikation sind neu verteilt. Welchen Platz nimmt der
Rundfunk Ihrer Meinung nach in der heutigen Medienlandschaft ein? Welche
Rolle kann und sollte ein Auslandssender wie Radio Prag auch noch in
Zukunft spielen?
„Ich bin Jahrgang 1951 und gehöre nunmehr zur älteren Generation. Ich bin jemand, der mit Transistorradios oder ähnlichen Geräten aufgewachsen ist und für den das Radio bei verschiedenen Tätigkeiten, die ansonsten sehr langweilig wären, unersetzlich ist. Sei es beim Unkraut jäten im Garten, beim Geschirrspülen oder beim Spaziergang mit dem Hund, der genug Interessantes in der Natur findet. Ich allerdings nicht! Ich muss Radio hören, ich muss so etwas bei mir haben und ich glaube, das wird noch für viele Leute lange der Fall sein. Und ich muss gar nicht erwähnen, dass der Internetzugang etwa in den Entwicklungsländern oft noch sehr eingeschränkt ist und für solche Leute ist Radio natürlich unersetzlich. Aber da spielt Radio Prag leider momentan keine Rolle, da können nur die großen Spieler auf dem Markt dabei sein, wie zum Beispiel die BBC oder die Stimme Amerikas. Es ist jedoch so, dass man das Radio wirklich bei verschiedenen anderen Tätigkeiten verfolgen kann und dafür ist es unersetzlich.“










