Ruinen, die Gesichter haben

"Neni Hietler jako Hitler" - "Nicht jeder Hietler ist ein Hitler" heißt ein Dokumentarfilm, der am Donnerstag im tschechischen Fernsehen läuft. Der Titel: Eine Anlehnung an den einst viel zitierten Ausspruch des kommunistischen Parteivorsitzenden Klement Gottwald, der 1950 sagte: "Neni Nemec jako Nemec" - "nicht alle Deutschen sind gleich". Der Film erzählt die Geschichte des nicht mehr existierenden Grenzdorfes Buchers im Böhmerwald/ Pohori na Sumave, in dem einst Österreicher, Tschechen und Deutsche zusammenlebten, bis der Nationalismus sie trennte. Susanne Hasenstab hat mit dem Regisseur Vaclav Reischl gesprochen.

16 Jahre lang war der Stuttgarter Vaclav Reischl, der in Südböhmen in der Nähe von Buchers aufgewachsen ist, auf den Spuren der Geflohenen und Vertriebenen, auf den Spuren der ehemaligen Einwohner von Buchers, die heute in ganz Europa verstreut leben. Er interviewte Deutsche, die bis 1945 im Dorf lebten, aber auch Tschechen, die zuvor beim Einmarsch der Wehrmacht vertrieben wurden. Ihre Geschichte: ein bislang unaufgearbeitetes Kapitel, findet Reischl: "Da gibt es unheimlich viel Unaufgeräumtes. Die Leute kommen nicht miteinander aus, weil zum Beispiel die Sprache, die Ideologie und wahnsinnige Vorurteile wie Balken zwischen den Menschen liegen."

Der Film lässt Menschen, die vor Jahrzehnten aus Buchers vertrieben wurden, und jetzige Bewohner der Region zu Wort kommen, gerade in ihren gegensätzlichen Meinungen über die Vergangenheit und die jeweils "andere Seite". Viele Leute, die Reischl in der Umgebung von Buchers traf, hätten keine Ahnung gehabt, dass die Ruinen des Dorfes auch Gesichter hatten, dass dort wirklich Menschen gelebt hatten, erzählt der Regisseur. "Für sie war es bislang bequem, in Kategorien zu leben. Kennt man aber auch andere Sichtweisen, kann man nicht mehr so gut hassen und sich abgrenzen."

Die größte Schwierigkeit sei die Finanzierung des Projekts gewesen. Reischl war sich sicher, "für ein gesellschaftlich so wichtiges Thema" Geldgeber in Deutschland und Tschechien zu finden. "Ich glaubte, in beiden Ländern warte man auf jemanden, der beide Seiten kennt und Brücken schlägt, aber dem war nicht so, auf beiden Seiten nicht. Anscheinend baut man im Moment politisch mehr auf Abgrenzung."

Die einstündige Dokumentation läuft am Donnerstag um 20 Uhr im zweiten Programm des tschechischen Fernsehens.

Foto: www.ceskatelevize.cz