Road-Movie in die NS-Vergangenheit

Zwei Männer machen sich an ihrem Lebensabend auf eine Reise in die nationalsozialistische Vergangenheit.

Jiří Menzel und Peter Simonischek im Film „Der Dolmetscher“ (Foto: Archiv des österreichischen Filminstituts)Jiří Menzel und Peter Simonischek im Film „Der Dolmetscher“ (Foto: Archiv des österreichischen Filminstituts) Im Mittelpunkt des tschechisch-slowakisch-österreichischen Films steht die Beziehung zweier Männer, die ihre besten Jahre bereits hinter sich haben. Der eine ist Sohn eines Holocaust-Opfers, der andere kommt aus der Familie eines SS-Offiziers. Der tschechisch-slowakisch-österreichische Film „Der Dolmetscher“ feierte in der vergangenen Woche bei der Berlinale Weltpremiere. Am Dienstagabend wurde er in Tschechien vorgestellt. Toni-Erdmann-Star Peter Simonischek spielt in „Der Dolmetscher“ den Sohn des Nazi-Verbrechers:

„Ich glaube, diese Generation ist so noch nicht behandelt worden. Die entscheidende Frage in dem Film ist, ob die Kinder der Opfer schlechter dran sind als die Kinder der Mörder?“

Er halte das Thema für wichtig und in dem Film gut dargestellt, fügt der österreichische Schauspieler hinzu. Deswegen habe er die Rolle angenommen, sagte der Schauspieler vor der Premiere des Streifens in Prag.

Film „Der Dolmetscher“ (Foto: Archiv des österreichischen Filminstituts)Film „Der Dolmetscher“ (Foto: Archiv des österreichischen Filminstituts) Ein Slowake mit jüdischen Wurzeln und ein Österreicher machen sich auf die Reise durch die Slowakei. Sie suchen nach Zeugen, die von jener Zeit berichten können. Der tschechische Regisseur und Schauspieler Jiří Menzel verkörpert darin die Titelrolle des slowakischen Dolmetschers. Peter Simonischek:

„Jiří Menzel war für mich kein Unbekannter. Ich kannte ihn seit den 1970er Jahren als Theaterregisseur. Im Laufe der Arbeit hat sich herausgestellt, dass wir sehr gut miteinander arbeiten und auch sprechen können und dass wir uns sehr nahe sind. Sowohl menschlich, als auch künstlerisch.“

Regisseur des Films ist Martin Šulík. Ihm zufolge wird in der Slowakei derzeit die Geschichte des klero-faschistischen unabhängigen Slowakischen Staates während des Zweiten Weltkriegs umgewertet. Im Internet würden immer wieder Behauptungen kursieren, die historische Fakten verdrehten, sagte er vor Journalisten:

Martin Šulík (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prag)Martin Šulík (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prag) „Man liest da, dass der Slowakische Staat wirtschaftlich außerordentlich stark gewesen sei. Es wird aber verschwiegen, dass damals 68.000 Juden deportiert wurden. Ich finde es gefährlich, wenn gerade junge Menschen an die vermeintliche Erfolgsgeschichte des Slowakischen Staates glauben. Sie haben keinen Kontakt mit der Vergangenheit, da die Menschen, die den Krieg überlebt haben, bereits gestorben sind. Die Jungen lassen sich dann sehr einfach manipulieren.“

Eben daher habe er sich entschieden, den Film zu drehen, so Šulík. Das Filmteam erwartet durchaus unterschiedliche Reaktionen bei den Zuschauern in den beteiligten Ländern. Peter Simonischek:

„Das wird sicher interessant. Die Österreicher sind damit konfrontiert, dass der Charakter von Georg Graubner ein bisschen einer ist, der das nicht so besonders ernst nimmt. Er sagt: ‚Ach, man kann auch so ganz gut leben.‘ Das ist vielleicht ein bisschen typisch österreichisch. In Deutschland, auf der Berlinale, ist der Film sehr gut angekommen. Aber ich sage, die Deutschen haben schon Übung.“