Tagesecho Prager Nationaltheater: Berger-Gorski transponiert Norma nach 1940
Nach 72 Jahren kehrt sie auf die Bühne des Prager Nationaltheaters zurück: Vincenzo Bellinis Oper "Norma", von der viele nur die einzige Arie "Casta diva" kennen. Ein internationales Team hat die wenig gespielte Belcanto-Oper einstudiert.
Regisseur Bruno Berger-Gorski (Foto: Autorin)
Die Titelrolle wird die russische Sopranistin Olga Makarina singen, die in
den letzten Jahren in der New Yorker Met in den Koloraturrollen Erfolg
gefeiert hat. Die Opernkostüme hat der in Tschechien lebende kubanische
Modedesigner Osmany Laffita entworfen. Für den Modeschöpfer ist es seine
erste Zusammenarbeit mit einem Theater überhaupt. Regie der Oper hat der
vielseitige deutsche Regisseur Bruno Berger-Gorski übernommen. Mit dem
Regisseur haben über die Donnerstagspremiere gesprochen.
Bellinis Norma kann man auf verschiedene Weise inszenieren, für welche Art haben Sie sich diesmal entschieden?
"Sie sagen richtig ´diesmal´, denn es ist meine zweite Inszenierung von ´Norma´. Meine erste Inszenierung war im Amazonas Theater in Manaus in Brasilien. Damals habe ich es inszeniert bezogen auf den Amazonas als eine Art historisches Drama im Wald. Jetzt in Prag als einer Hauptstadt von Europa habe ich mich mit Daniel Dvorak und Osmany Laffita für ein zeitloses Konzept entschieden, d. h. zeitlos insofern, dass wir die Geschichte nach 1940 transponiert haben. Das ist die Zeit des Krieges, aber eines allgemeinen Krieges. Es ist nicht Gallien, okkupiert von Römern, sondern es ist ein Seelenraum. Es ist ein abstrakter Raum, der okkupiert wird, ein geschlossenes Seelengefängnis dieser Frau Norma, die weiß, dass sie zwei Kinder von einem Feind geboren hat. Und in diesem engen Raum von Daniel Dvorak, dem bekanntesten Bühnenbildner und Architekten der Tschechischen Republik, gibt es dann am Ende der Oper diese große utopische Öffnung für die Wiedervereinigung von Pollione und Norma. In diesem utopischen Finale verschwinden alle okkupierenden Elemente. In dieser Zeit ist eine Vereinigung mit dem Feind nicht möglich und die Liebe ist nicht fortsetzbar. Ich habe gesehen, dass hier im Nationaltheater Smetanas ´Libuse´ (Libussa) aufgeführt wird. Das ist die tschechische Norma. Die Geschichte ist ein wenig ähnlich, Libuse ist Seherin, sie kann in der Zukunft lesen. Es ist ein immer wiederkehrendes Thema. Und wer ist eine Norma von heute?"
Norma (Foto: Narodni divadlo)
Es ist Ihre dritte Opernregie in Tschechien - nach Brünn und der Prager
Staatsoper. Könnten Sie sich vorstellen, eine tschechische Oper hier
einzustudieren?
"Ich würde es sehr gern machen, aber muss gleich dazu sagen, dass ich
natürlich zur tschechischen Oper einen anderen Bezug habe. Ich liebe
besonders Smetana. Ich habe schon Janacek inszeniert und bin immer noch ein
Janacek-Fan. Was mich im Moment völlig berührt hat, war Smetanas Oper ´Der
Kuss´, den habe ich vorher nicht gesehen. Ich finde diese Geschichte so
interessant: Es sind wieder die weiblichen und die männlichen Gegenpole und
der Respekt von der Hauptdarstellerin, die einfach sagt: ´Ich akzeptiere
das Kind und werde mich darum kümmern, aber ich weiß, dass jede Nacht die
tote Mutter kommt, um zu sehen, wer sich um ihr Kind kümmert. ´Der Kuss´
ist leider eine Oper, die international noch gar nicht entdeckt wurde. Es
ist etwas von Smetana, was ich gerne aus Tschechien ins Ausland mitnehmen
würde."







