Tagesecho Politologe Rudolf Kucera: Mitteleuropa hat eigene historische Erfahrungen

16-04-2003 | Martina Schneibergová

Die Europäische Union sieht ihre Erweiterung um zehn neue Staaten als das Ende der Jahrzehnte langen Teilung des Kontinents an. Dies geht aus dem Entwurf der EU-Gipfelerklärung von Athen hervor. Fast 5.000 Seiten umfasst das Dokument, welches das künftige Leben der zehn Staaten aus Ost- und Mitteleuropa sowie dem Mittelmeerraum ändern soll. Zur Stellung der Mitteleuropäer äußerte sich der Politologe Rudolf Kucera von der Prager Karlsuniversität kurz vor der Unterzeichnung des Beitrittsvertrags im britischen Rundfunksender BBC.

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Karte: Europäische KommissionKarte: Europäische Kommission Rudolf Kucera erinnerte daran, dass Mitteleuropa seine eigenen historischen Erfahrungen hat, die immer in wichtigen Momenten an die Oberfläche kommen. Dies sei - so der Politologe - beispielsweise an der Haltung zum Irak-Krieg bzw. zu den Vereinigten Staaten zu sehen. Für einen Mitteleuropäer sei es, so Kucera, unvorstellbar, dass er sich z. B. in der Frage der Sicherheit des Staates auf Länder wie Frankreich oder Deutschland verlassen könnte. Wie werden sich die neuen mitteleuropäischen EU-Mitglieder in einer so vielfältigen Gemeinschaft wie der EU zurecht finden? Der Politologe dazu:

"Das wird schwierig sein. Aber ich meine, dass es vor allem darum gehen muss, dass wir Mitteleuropäer uns dessen bewusst werden, unsere historische und kulturelle Identität in der Europäischen Union beibehalten zu müssen und dass die EU letztlich kein Mechanismus ist, der uns diese Identität wegnehmen möchte. Seit dem Kopenhagener EU-Gipfel zeigt es sich andererseits - und viele haben in der EU Angst davor -, dass mitteleuropäische Eliten in der EU eher einen Umverteilungsmechanismus, d. h. ihre materiellen Vorteile sehen. Nach dem EU-Beitritt der Kandidatenländer werden scharfe Umverteilungskämpfe ausbrechen. Und davor hat man Angst. Viele Menschen innerhalb der EU feiern die jetzigen offiziellen Unterzeichnungen der Beitrittsverträge gar nicht, da sie die Entwicklung danach befürchten."

Foto: Europäische KommissionFoto: Europäische Kommission Auf die Frage, ob es einen spezifisch mitteleuropäischen Aspekt gebe, der auch nach dem EU-Beitritt weiterhin bestehen würde, antwortete der Politologe:

"Ich meine, dass dieser Aspekt durch die Geschichte gegeben ist. Es handelt sich um eine bestimmte skeptische, misstrauische Haltung. Dies war auch beim Referendum in Ungarn zu verzeichnen. In Ungarn, einem Land, das als ein Vorzeigekandidat gilt, betrug die Beteiligung an der Volksbefragung nicht einmal 50 Prozent. Das ist typisch mitteleuropäisch - Misstrauen, Skepsis, Befürchtungen, die immer noch bestehen, sowie die Bemühungen, sich zu wehren und ständig etwas zu bewahren. Das ist nicht allzu positiv, aber es ist etwas, was wir in die EU mitbringen und wahrscheinlich auch beibehalten werden."

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