Tagesecho Parteiporträt Nr. 3: Top 09
Top 09 – wie der Namenszusatz 09 schon sagt, ist sie die jüngste Partei, die in wenigen Tagen im Abgeordnetenhaus Platz nehmen wird. So ziemlich genau ein Jahr ist sie alt und hat bei den Wahlen einen Stimmenanteil abgeräumt, der nicht nur als Achtungserfolg bezeichnet werden kann.
Karel Schwarzenberg (Foto: Kristýna Maková)
Top 09 hat 16,7 Prozent erhalten und ist aus dem Stand die drittstärkste
politische Kraft in Tschechien geworden. Was hat die konservative Top 09 zu
bieten?
Zunächst einmal zwei bekannte Gesichter. Eines von beiden ist umstritten, das andere äußerst beliebt. Umstritten ist der Macher der Partei, Miroslav Kalousek. Er war bis vor gut einem Jahr Christdemokrat (KDU-ČSL) und Finanzminister der letzten gewählten Regierung Topolánek. 2008 wurde er vom Magazin Emerging Markets zum „Finanzminister des Jahres“ der mittelosteuropäischen Region gekürt.
Umstritten ist Kalousek vor allem deshalb, weil er häufig auf Posten saß, die weniger Publicity, dafür aber mehr Macht und Einfluss mit sich brachten. Wirtschaftexperte in Diensten der Regierung, ab 1993 stellvertretender Verteidigungsminister; und als solcher hielt er die finanziellen Fäden des Ressorts und der Armee fest in der Hand - inklusive lukrativer Ausschreibungen. Seine persönliche Nähe zur Rüstungslobby war und ist vielen verdächtig. Dies und andere Affären konnten Kalousek aber nicht das Genick brechen. Er ist ein Polit-Pragmatiker und das hat er erneut bewiesen, als er sich seine eigene Partei Top 09 schuf und Fürst Karel zu Schwarzenberg als Parteichef gewann.
Miroslav Kalousek
Der 72-jährige Schwarzenberg ist nämlich einer der beliebtesten, wenn
nicht der beliebteste Politiker, den die tschechische Parteienlandschaft zu
bieten hat. Seine Stationen: Die einflussreiche Adelsfamilie musste 1948
nach Österreich fliehen, seit den 60er Jahren unterstützte Schwarzenberg
vom Ausland aus die tschechoslowakischen Dissidenten, setzte sich als
Präsident der Internationalen Helsinki-Föderation für die Menschenrechte
ein, wurde nach der Wende einer der engsten Vertrauten von Präsident
Václav Havel und 2004 Senator. Von den Grünen berufen, saß er seit 2007
als Außenminister in derselben Regierung wie Miroslav Kalousek. In dieser
Zeit sammelte der unabhängige Schwarzenberg Kredit bei der Bevölkerung.
Karel Schwarzenberg an der Wahlplakatwand
Das Gemeinschaftsunternehmen der beiden Polit-Profis hat klare Konturen.
Sie sind im Namen Top 09 erkennbar: Tradition – Verantwortung –
Prosperität. Die Partei versteht sich als konservative, pro-europäische
Alternative und konnte genau mit diesen Eckpfeilern auch und vor allem bei
der jungen gebildeten Wählerschaft punkten. Die regionalen
Mitgliederstrukturen sind jedoch noch dürftig. Trotzdem: ein kometenhafter
Start für eine Newcomer-Partei mit alten Hasen an der Spitze. Eine Partei
mit Zukunft? Der Politologe Robert Schuster:
Karel Schwarzenberg und Miroslav Kalousek
„Es ist sicherlich eine regierungsfähige Partei. Dafür bürgen schon
die wichtigsten Vertreter, Karel Schwarzenberg und Miroslav Kalousek. Das
Problem bei der Partei ist dieses „09“ hinter dem Parteinamen. Ist
diese Partei nicht nur für die einen Wahlen konzipiert worden, für die
(nicht stattgefundenen, Anm. d. Red.) Wahlen 2009? Wird es diese Partei
auch in vier, fünf oder zwölf Jahren noch geben? Das ist die Frage für
die Zukunft, denn auch wenn sie noch so sehr auf Internet, auf neue Medien
setzt – eine Partei ohne Basis ist keine Partei. Jede Partei wird früher
oder später von Krisen eingeholt und dann passiert es, dass das
Führungspersonal zurücktritt, und dann muss neues her. Das heißt, für
die Zukunft dieser Partei ist die Rekrutierung einer tragfähigen
Mitgliederbasis die essentielle Frage.“









