Tagesecho ODS macht ersten Schritt zur Behebung der Führungskrise: Nečas kandidiert anstelle Topoláneks
Die stärkste tschechische Parlamentspartei, die bürgerdemokratische Partei (ODS), durchlebt derzeit die wohl schwerste Führungskrise seit ihrer Gründung im April 1991. Ausgelöst wurde sie durch ein Interview von Parteichef Mirek Topolánek für das Gay-Magazin Lui, in dem Topolánek mehrere umstrittene Aussagen zu Homosexuellen, den Juden, die Kirche und zur Person von Premier Fischer machte. Seitdem sind die Bürgerdemokraten um Schadensbegrenzung bemüht.
Die umstrittenen Äußerungen von Topolánek haben nicht nur öffentlichen
Wirbel entfacht, sie haben die Bürgerdemokraten auch im ungünstigsten
Moment erwischt: mitten im Wahlkampf. Am Montag hatte Senatschef und
ODS-Führungsmitglied Přemysl Sobotka seinem Parteichef nahe gelegt, von
diesem Amt zurückzutreten und ebenso auf seine Spitzenkandidatur bei den
bevorstehenden Wahlen zum Abgeordnetenhaus zu verzichten. Um diesem Aufruf
Nachdruck zu verleihen, wurde Topolánek am Dienstag vor das enge
Führungsgremium der ODS zitiert. Topolánek trat jedoch nicht zurück,
wohl auch aus Mangel an Alternativen, zwei Monate vor den Wahlen. Auf Druck
der Parteibasis aber tagte am Donnerstag noch die erweiterte
Mirek Topolánek und Petr Nečas (Foto: ČTK)
Parteiführung, der so genannte Exekutivrat. 37 der anwesenden 45
Ratsmitglieder stellten sich in einer Abstimmung gegen ihren
Parteivorsitzenden. Topolánek zog daraufhin seine Spitzenkandidatur für
die Wahlen zurück, Parteivize David Vodrážka indes atmete auf:
„Ich bin froh, dass Mirek Topolánek nach der langen Diskussion verstanden hat, dass diese Veränderung notwendig ist.“
Wie Vodrážka sahen mehrere ODS-Führungsmitglieder die Chancen ihrer
Partei bei den Wahlen sinken mit einem umstrittenen Topolánek als
Spitzenkandidaten. Besonders die ODS-Organisation des religiösen
Südmährischen Kreises, in dem Topolánek antreten sollte, sperrte sich
gegen die Kandidatur – wegen seiner Äußerungen über die Kirche. Der
David Vodrážka
neue Spitzenkandidat der Bürgerdemokraten ist Parteivize Petr Nečas.
Dessen Kandidatur wird auch von Ex-Außenminister und Parteifreund Alexandr
Vondra unterstützt:
„Ich denke, das ist die richtige Entscheidung. Jetzt können wir uns voll und ganz auf den Wahlkampf konzentrieren, denn Petr Nečas ist der Hauptgarant für die Durchsetzung unseres Wahlprogramms.“
Nečas wird nachgesagt, dass er die konservativen Grundwerte der
Bürgerdemokraten mehr vertritt als Topolánek. Die politischen Gegner
reiben sich indes schon die Hände, die Linke sieht in dem Personalwechsel
eine Schwächung des bürgerlichen Lagers. Bei den Bürgerdemokraten gehen
die Diskussionen aber weiter. Viele sehen in dem Verzicht Topoláneks auf
Ivan Langer
die Spitzenkandidatur nur einen ersten Schritt. Der zweite Schritt müsste
sein Rücktritt als Parteichef sein, denn solange das nicht geschehe, werde
auch die Kandidatur von Nečas lediglich im Schatten von Topolánek stehen.
ODS-Vizechef Ivan Langer aber ist sich sicher, dass dieser Schritt bald
folgen wird:
„Topolánek selbst sieht die Trennung zwischen Parteivorsitz und
Spitzenkandidatur nicht als optimal an. Ich denke aber, auch das wird bald
gelöst, und zwar dadurch, dass dem ersten Stellvertreter David Vodrážka
der kommissarische Vorsitz der Partei übertragen wird.“







