Tagesecho November 89: Gerüchte über Tod eines Studenten beschleunigen Umbruch

18-11-2009 16:51 | Martina Schneibergová

Seit dem Ausbruch der Samtenen Revolution in der Tschechoslowakei sind am Dienstag 20 Jahre vergangen. Nach der brutalen Unterdrückung einer friedlichen Studentendemonstration im Prager Stadtzentrum hat sich die Nachricht über einen tot geschlagenen Studenten wie ein Lauffeuer verbreitet. Diese Information stellte sich später als falsch heraus. Die ausländischen Medien hatten den Fall jedoch schon aufgegriffen. Wer und aus welchem Grund das Gerücht damals initiiert hat, bleibt bis heute ein Rätsel. Eine der Beteiligten entschied sich nun, nach 20 Jahren, im Fernsehen auszusagen.

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Petr UhlPetr Uhl „Neben Jan Opletals Tod 1939 gibt es jetzt ein weiteres Opfer des Totalitarismus. Die Nachricht brachte die Agentur Reuters unter Berufung auf die Osteuropäische Presseagentur.“ Diese Meldung von Radio Freies Europa am Abend des 18. November 1989 hörten viele tschechoslowakischer Bürger. Es folgte eine konkrete Information, gesprochen vom Dissidenten Petr Uhl. Eine Augenzeugin habe ihm gesagt, dass der Mathematik-Student Martin Šmíd von der Polizei erschlagen wurde. Die Zeugin war die damals 22jährige Drahomíra Dražská. Nachdem sich gezeigt hat, dass beide Studenten mit dem Namen Martin Šmíd am Leben sind, hatte Petr Uhl die Nachricht selbst dementiert. Die angebliche Zeugin räumte einige Tage später ein, dass sie selbst nichts gesehen habe. Sie verstrickte sich in Widersprüche. 20 Jahre lang hat sie dann die Medien gemieden. Jetzt hat sich die rätselhafte Zeugin für eine Sondersendung des Tschechischen Fernsehen zum November 1989 von selbst gemeldet. Hinter einer Wand anonymisiert erweiterte Dražská ihr Geständnis von damals:

„Ich muss bestätigen, dass ich mir das mit dem toten Studenten ausgedacht habe. Ich habe nie mit dem kommunistischen Geheimdienst zusammengearbeitet und war nie Mitglied einer politischen Partei. Als ich nach der Demo im Krankenhaus behandelt wurde, hab ich mir das einfach ausgedacht.“

Drahomíra Dražská im Jahr 1989 (Quele: ČT24)Drahomíra Dražská im Jahr 1989 (Quele: ČT24) Ebenso ausgedacht hatte sie sich den Namen des angeblich toten Studenten, Martin Šmíd. Schon im November 1989 tauchten Spekulationen darüber auf, ob Dražská wirklich von sich aus gelogen hat oder ob sie jemand instruiert hatte. Die Suche nach dem toten Studenten führte schon 1989 zu einer interessanten Entdeckung: An der Spitze der Studentendemo stand ein Offizier des Geheimdienstes, Ludvík Zifčák, der in der Studentenbewegung unter falschem Namen gewirkt hatte. Dieser ließ während der Untersuchungen später verlauten, er habe auch mit Dražská zusammengearbeitet. Im Fernsehgespräch vom Dienstag bestritt sie das.

„Zum ersten Mal habe ich den Namen 1990 gehört, als ich von der Militärstaatsanwaltschaft verhört wurde. Persönlich habe ich ihn nie getroffen. Genauso wie ich mir den Tod eines Studenten ausgedacht hatte, hatte er sich ausgedacht, mich instruiert zu haben.“

Die mysteriöse Zeugin von 1989 räumte ein, sie sei einst drogenabhängig gewesen, aber dies sei schon 1986 gewesen, danach habe sie eine erfolgreiche Therapie gemacht. Auch nach der neuesten Aussage von Dražská bleibt also das Rätsel ungeklärt. Einige der Historiker bestätigen, dass die Nachricht über den Totgeschlagenen die revolutionären Ereignisse beschleunigt hat.

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