Tagesecho November 89: Gerüchte über Tod eines Studenten beschleunigen Umbruch
Seit dem Ausbruch der Samtenen Revolution in der Tschechoslowakei sind am Dienstag 20 Jahre vergangen. Nach der brutalen Unterdrückung einer friedlichen Studentendemonstration im Prager Stadtzentrum hat sich die Nachricht über einen tot geschlagenen Studenten wie ein Lauffeuer verbreitet. Diese Information stellte sich später als falsch heraus. Die ausländischen Medien hatten den Fall jedoch schon aufgegriffen. Wer und aus welchem Grund das Gerücht damals initiiert hat, bleibt bis heute ein Rätsel. Eine der Beteiligten entschied sich nun, nach 20 Jahren, im Fernsehen auszusagen.
Petr Uhl
„Neben Jan Opletals Tod 1939 gibt es jetzt ein weiteres Opfer des
Totalitarismus. Die Nachricht brachte die Agentur Reuters unter Berufung
auf die Osteuropäische Presseagentur.“ Diese Meldung von Radio Freies
Europa am Abend des 18. November 1989 hörten viele tschechoslowakischer
Bürger. Es folgte eine konkrete Information, gesprochen vom Dissidenten
Petr Uhl. Eine Augenzeugin habe ihm gesagt, dass der Mathematik-Student
Martin Šmíd von der Polizei erschlagen wurde. Die Zeugin war die damals
22jährige Drahomíra Dražská. Nachdem sich gezeigt hat, dass beide
Studenten mit dem Namen Martin Šmíd am Leben sind, hatte Petr Uhl die
Nachricht selbst dementiert. Die angebliche Zeugin räumte einige Tage
später ein, dass sie selbst nichts gesehen habe. Sie verstrickte sich in
Widersprüche. 20 Jahre lang hat sie dann die Medien gemieden. Jetzt hat
sich die rätselhafte Zeugin für eine Sondersendung des Tschechischen
Fernsehen zum November 1989 von selbst gemeldet. Hinter einer Wand
anonymisiert erweiterte Dražská ihr Geständnis von damals:
„Ich muss bestätigen, dass ich mir das mit dem toten Studenten ausgedacht habe. Ich habe nie mit dem kommunistischen Geheimdienst zusammengearbeitet und war nie Mitglied einer politischen Partei. Als ich nach der Demo im Krankenhaus behandelt wurde, hab ich mir das einfach ausgedacht.“
Drahomíra Dražská im Jahr 1989 (Quele: ČT24)
Ebenso ausgedacht hatte sie sich den Namen des angeblich toten Studenten,
Martin Šmíd. Schon im November 1989 tauchten Spekulationen darüber auf,
ob Dražská wirklich von sich aus gelogen hat oder ob sie jemand
instruiert hatte. Die Suche nach dem toten Studenten führte schon 1989 zu
einer interessanten Entdeckung: An der Spitze der Studentendemo stand ein
Offizier des Geheimdienstes, Ludvík Zifčák, der in der Studentenbewegung
unter falschem Namen gewirkt hatte. Dieser ließ während der
Untersuchungen später verlauten, er habe auch mit Dražská
zusammengearbeitet. Im Fernsehgespräch vom Dienstag bestritt sie das.
„Zum ersten Mal habe ich den Namen 1990 gehört, als ich von der
Militärstaatsanwaltschaft verhört wurde. Persönlich habe ich ihn nie
getroffen. Genauso wie ich mir den Tod eines Studenten ausgedacht hatte,
hatte er sich ausgedacht, mich instruiert zu haben.“
Die mysteriöse Zeugin von 1989 räumte ein, sie sei einst drogenabhängig gewesen, aber dies sei schon 1986 gewesen, danach habe sie eine erfolgreiche Therapie gemacht. Auch nach der neuesten Aussage von Dražská bleibt also das Rätsel ungeklärt. Einige der Historiker bestätigen, dass die Nachricht über den Totgeschlagenen die revolutionären Ereignisse beschleunigt hat.








