Tagesecho Norwegische Attentate dominantes Thema in tschechischen Medien
Norwegische Flaggen, Fotos von Trauernden und darüber ein großes „Warum?“: So sahen die Titelseiten der tschechischen Tageszeitungen am Montag aus. Die Attentate von Oslo dominieren nicht nur die Tageszeitungen, sondern sind im Moment auch Thema in allen tschechischen Medien.
Insel Utøya (Foto: ČTK)
Ein ruhiges Paradies mit herrlicher Landschaft und hervorragenden
zwischenmenschlichen Beziehungen – das ist in etwa die Vorstellung von
Norwegen der meisten Tschechen. Einige von ihnen haben sich seit der Wende
von 1989 auch schon vor Ort davon überzeugt, dass diese Vorstellung mehr
oder weniger stimmt. Denn Norwegen ist in den letzten Jahren eines der
beliebten Urlaubsziele vor allem wanderlustiger Tschechen. Umso mehr
schockiert war die tschechische Öffentlichkeit durch die Nachricht über
die Massaker, die sich am vergangenen Freitag in Oslo und auf der Insel
Utøya abspielten. Vor der norwegischen Botschaft auf der Prager
Kleinseite
liegen seitdem Blumen und brennen Kerzen. Vertreter des Jugendverbandes
der
tschechischen Sozialdemokraten gedachten am Sonntag vor dem
Botschaftsgebäude besonders der Opfer aus den Reihen der befreundeten
norwegischen Arbeiterpartei. Der tschechische Juso-Chef Lukáš Kaucký:
„Wir haben einige von ihnen persönlich bei Veranstaltungen im Ausland getroffen. Deswegen empfinden wir die Tragödie als eine sehr persönliche Sache.“
Oslo (Foto: ČTK)
In den tschechischen Medien wird seit den Terroranschlägen in Norwegen
über die Motive diskutiert, die den Hauptverdächtigen Breivik zu seiner
grausamen Tat geführt haben. Der Prager Politikwissenschaftler Zdeněk
Zbořil beschäftigt sich seit Jahren mit extremistischen Bewegungen.
Seinen Worten zufolge muss man zuerst in Erwägung ziehen, dass es sich
bei
Breivik um einen Massenmörder handelt, und seine Motive müsste nicht nur
ein Politikwissenschaftler, sondern auch ein Psychologe zu erläutern
versuchen.
„Die Attentate stehen in einem krassen Widerspruch zu diesem wunderschönen Land, das in Europa als ein Vorbild für zwischenmenschliche Beziehungen gilt. Ich habe am Sonntag an mehreren Orten in Böhmen Leute gesehen, die die norwegische Flagge im Fenster hatten. Diese Solidarität fand ich wirklich rührend. Dabei habe ich mich auch daran erinnert, dass die norwegische Flagge einst von der Firma Thor Steinar missbraucht wurde, die sie auf ihren Textilprodukten mit einem Nazi-Symbol in der Mitte des Kreuzes abgedruckt hatte. Diese Artikel wurden von den Neonazis viel gekauft. Ich glaube aber, dass die Neonazis in Norwegen nicht verwurzelt sind. Diese extremistische Bewegung wurde viel mehr aus Schweden dorthin importiert.“
Anders Behring Breivik (Foto: ISIFA/Reuters)
Anders Breivik veröffentlichte vor den Attentaten ein so genanntes
„Manifest“, in dem er sich auch an seinen Prag-Besuch im Jahre 2010
erinnert. Ursprünglich habe er vorgehabt, in Prag Waffen zu kaufen,
heißt
es dort. Vor Ort habe er jedoch festgestellt, dass Prag kein idealer Ort
zum Waffenkauf sei. Zdeněk Zbořil dazu:
„Er traf in Prag höchstwahrscheinlich nicht mit tschechischen Rechtsextremisten zusammen. Zudem wäre er für die tschechischen Neonazis, die sich zum Antisemitismus und biologischen Rassismus bekennen, gar nicht attraktiv. Falls es stimmt, dass sich Breivik für einen Christen hält, wäre er für die tschechischen Neonazis unannehmbar gewesen. Denn für sie ist schon seit den 1990er Jahren typisch, dass das Christentum ablehnen.“
Die Tschechische Republik oder das tschechische Volk werden in Breiviks
Manifest einige Mal erwähnt. Der Attentäter nennt die Beneš-Dekrete als
ein Beispiel dafür, wie man in Westeuropa mit den Einwanderern umgehen
sollte. In Breiviks Manifest wurde zudem der tschechische Staatspräsident
Václav Klaus zitiert, der vor der Einmischung der EU in verschiedene
Lebensbereiche warnt.







