Neuer alter Stern am Prager Kaffeehaushimmel

Zum Schreiben wäre Franz Kafka wohl kaum mehr gekommen, wäre er tatsächlich überall dort Stammkunde gewesen, wo heutzutage mit dem berühmten Gast geworben wird. Louvre, Arco, Slavia, Imperial - Die klingenden Namen der Prager Kaffeehäuser haben sich nicht zuletzt wegen der Künstler und Literaten, die dort einst in ihren Tassen rührten und Absinth orderten, in den Reiseführern etabliert. Zurück am Prager Kaffeehaushimmel ist seit wenigen Wochen das vielleicht traditionsreichste Café Savoy. Gegründet wurde das prächtige Lokal schon 1887. Und, na klar, der berühmteste Stammgast hieß: Franz Kafka. Anne Lemhöfer hat das Savoy für Radio Prag besucht.

"Im Kaffeehaus wird geschrieben, korrigiert, geredet. Im Kaffeehaus spielen sich Familienszenen ab, im Kaffeehaus wird geweint und auf das Leben geschimpft. Im Kaffeehaus isst man auf Pump, im Kaffeehaus werden die halsbrecherischsten Geldtransaktionen vorgenommen. Im Kaffeehaus wird gelebt, gefaulenzt, die Zeit totgeschlagen."

So beschrieb die tschechische Publizistin Milena Jesenská das Eigenleben jener Orte, an denen ihre Freundschaft mit Franz Kafka begann. Der Mythos Kaffeehaus lebt von dieser Tradition. Auch wenn es heute vor allem Reiseführer aus aller Welt sind, die im Louvre und im Slavia, im Arco und seit drei Wochen auch wieder im Savoy neben Palatschinken mit viel Schlagsahne aufgeschlagen werden. Doch wenn Wände reden könnten! Dann hätten die Wände des Kaffeehauses Savoy am linken Moldauufer gegenüber des Nationaltheaters sicher einiges zu erzählen: Von Prag. Von den Pragern. Von den großen gesellschaftlichen Umwälzungen der letzten 100 Jahre. Franz Kafka soll hier die häufigen Selbstzweifel an seinem literarischen Talent durchlebt, der rasende Reporter Egon Erwin Kisch seine Recherchen niedergeschrieben haben. Prag-Touristen lieben diese Vorstellung, bestätigt der Betreiber des Savoy, Oldrich Bures:

"Wir benutzen diese Namen natürlich vor allem für die Touristen. Wir werden häufig gefragt, ob Franz Kafka hierher kam und können wahrheitsgemäß sagen: Ja, das stimmt. Das finden die meisten interessant."

Der Erste Weltkrieg läutete vorerst das Ende der glamourösen Savoy-Ära ein. 1915 wurde das Haus verkauft und das Café in mehrere kleine Geschäfte umgewandelt. 1968 zogen die Kommunisten ein. Neue Genossen wurden hier in die Partei aufgenommen. Nach 1989 zog ein russisches Fischrestaurant ein, das bald pleite ging. Es folgte ein modernes Café mit Chromtresen, weißen Bodenfliesen und abgepackten Sandwiches zum Mitnehmen. Oldrich Bures von der Restaurantkette Ambiente hat die Fliesen durch einen Holzboden und die Sandwiches durch französische Suppen ersetzt. Blickfang im Savoy ist heute wieder die einzigartige klassizistische Stuckdecke. Die Atmosphäre ist gediegen. Die Kellner tragen Smoking. Zurück zu den Kaffeehaus-Wurzeln lautet das Motto für Bures:

"Wir sind wieder ein klassisches Café, wie die Prager Kaffeehäuser in den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts, wie in Wien oder in Paris. Wir haben jetzt seit drei Wochen geöffnet, und es kommen sehr viele Leute - die meisten davon sind Touristen."

Neben dem klassischen Wiener "Einspänner"-Kaffee steht im wieder auferstandenen Savoy das eine oder andere Zugeständnis an den Zeitgeist auf der Speisekarte: etwa die aufputschende Trendlimonade Red Bull. Ob die wohl Franz Kafka geschmeckt hätte, der sich die Koffeindosis fürs nächtelange Schreiben an diesem Ort noch auf die altmodische Weise zuführen musste?

Das Café Savoy liegt Vítezná-Straße 1 und hat täglich von neun bis 22.30 Uhr geöffnet.