Tagesecho Neue Nationalbibliothek: Kommissionen statt Kanonen
Ja, nein, doch, aber nicht dort - oder vielleicht nun möglicherweise doch dort... - der Prager Oberbürgermeister Pavel Bem hat in den letzten Wochen alles andere als eine gute Figur gemacht bei der Auseinandersetzung um die avantgardistischen Neubaupläne der Nationalbibliothek auf dem Prager Letna. Nach heftigen Protesten aus der Öffentlichkeit soll nun eine Expertenkommission die Luft aus dem Streit lassen - womöglich aber auch aus dem gesamten Projekt.
Kaplicky-Entwurf für die neue Nationalbibliothek
Gegen Meeresungeheuer kämpft es sich nicht leicht - das hätte
Oberbürgermeister Pavel Bem noch aus den Büchern seiner Knabenzeit wissen
können. Und um ein Ungeheuer handelt es sich bei dem an einen gestrandeten
Tintenfisch erinnernden Bibliotheksneubau. Daran jedenfalls hat Bem
zwischenzeitlich kein Zweifel gelassen. Die Masse, die Höhe - der Entwurf
des renommierten britisch-tschechischen Architekten Jan Kaplicky stört
einfach, ungeachtet dessen, dass Bem selbst Monate zuvor noch voll des
Lobes gewesen war. Der Meinungswandel - offensichtlich ein
Freundschaftsdienst für ODS-Ziehvater und Bibliotheks-Kritiker Vaclav Klaus
und eine Anbiederung an die vermutete Volksseele.
Oberbürgermeister Pavel Bem (links) mit Nationalbibliotheks-Direktor Vlastimil Jezek (Foto: CTK)
Die allerdings hat an dem merkwürdigen Bibliotheksbau unerwartet Gefallen
gefunden: Eine Petition für den Kaplicky-Entwurf auf dem Prager Letna haben
inzwischen mehr als tausend Bürger unterzeichnet, darunter auch namhafte
Künstler und Intellektuelle wie Vaclav Havel und Milos Forman. Mit einer
Demonstration wurden die Unterschriftenlisten am Donnerstag dem Magistrat
überreicht. Mit dabei war auch Regisseur Jan Kacer:
"Weil ich will, dass es in Prag auch noch etwas anderes Interessantes gibt als immer nur die Karlsbrücke!"
Foto: CTK
Eine fachliche Diskussion forderten die Demonstranten, und genau das
versprach am gleichen Tag nun auch Oberbürgermeister Pavel Bem. Eine
vierfach gegliederte Kommission soll in den kommenden zwei bis drei Monaten
den Streit schlichten, so Bem:
"Neben dem eigentlichen Team werden drei Experten-Arbeitsgruppen entstehen, eine für den Bereich Architektur, eine für den Bereich Denkmalschutz und eine für die rechtlichen Fragen."
"Ich glaube auch weiter daran, dass es nach Anpassungen möglich ist, die Bibliothek auf dem Letna zu realisieren",
gibt sich Nationalbibliotheks-Direktor Vlastimil Jezek weiter optimistisch. Fraglich scheint allerdings, ob der Streit der mehr als 30 Kommissionsmitglieder wirklich zu einer einhelligen Lösung führen kann und nicht eher dazu geeignet ist, den Kaplicky-Entwurf mit neuen Verwirrungen vollends beerdigungssreif zu machen.
Aber auch die Experten müssen nicht das letzte Wort haben. Das hat Premier Mirek Topolanek vorsichtshalber schon angedeutet. Das Geld sei nämlich knapp und der Bibliotheksneubau stehe nicht auf der Prioritätenliste des Kabinetts.





