Tagesecho Neue Koalition im Prager Magistrat fährt harten Sparkurs
Genau vor einem Jahr, am 30. November 2010, wurde der Arzt und ODS-Politiker Bohuslav Svoboda zum neuen Oberbürgermeister von Prag gewählt. Möglich wurde das aber nur durch einen politischen Deal, indem Bürger- und Sozialdemokaten eine gemeinsame Koalition eingingen und den eigentlichen Wahlsieger, der Partei Top 09, damit auf die Oppositionsbank drängten. Am vergangenen Donnerstag aber gab es dann die Rolle rückwärts: Die ODS-Fraktion im Prager Magistrat war seit längerer Zeit gespalten. Der Versuch des einen Flügels, OB Svoboda zu stürzen, misslang. Svoboda und seine Anhänger gingen einen Pakt mit der konservativen Top 09 ein und bildeten das Kabinett im Prager Magistrat kurzerhand um. Und wie es scheint, zieht der Machtwechsel im Prager Rathaus nun auch andere Veränderungen nach sich.
Neue Koalition im Prager Magistrat (Foto: ČTK)
In der vergangenen Woche konnten sich die zerstrittenen Bürger- und
Sozialdemokaten nicht über einen Entwurf zum Haushalt der Hauptstadt im
Jahr 2012 einigen, seit Dienstag aber steht der Etat. Der von ODS und Top
09 ausgehandelte Entwurf sieht Ausgaben nur noch in Höhe von knapp 44
Milliarden Kronen vor, was einer Kürzung von fünf Prozent gegenüber
diesem Jahr entspricht. Zu den Bereichen, die den Gürtel enger schnallen
müssen, gehöre auch der Sektor des innerstädtischen Personentransports,
so Svoboda:
Prager Metro
„Die Verkehrsbetriebe werden uneffektive Linien abschaffen müssen.
Damit dürfen nach Möglichkeit aber nur minimale Einschränkungen bei der
Gewährleistung der bisherigen Dienste einhergehen.“
Eine dieser Einschränkungen soll zum Beispiel die Rücknahme des verlängerten Metrobetriebs an Wochenenden sein. Die Metrolinien A, B und C sollen dann folglich auch an Wochenenden wieder nur bis eine halbe Stunde nach Mitternacht verkehren anstatt wie jetzt, wo der jeweils letzte Wagentzug um 1 Uhr von seiner Endstation abfährt. Der OB erklärt, warum er diese und andere ähnliche Veränderungen für wichtig hält:
Antonín Weinert
„Persönlich sehe ich das so, dass wir den Druck erhöhen müssen, um
eine maximale Wirtschaftlichkeit im innerstädtischen Nahverkehr der Stadt
zu erreichen.“
Um die neuen Maßnahmen bei den Verkehrsbetrieben möglich rasch und kompromisslos umzusetzen, hat die neue Koalition auch sehr zügig personelle Veränderungen im Aufsichtsrat des Unternehmens geschaffen. Drei Stadtbezirksbürgermeister aus den Reihen der ODS und der ehemalige sozialdemokratische Vizeoberbürgermeister der Stadt, Antonín Weinert, wurden abgewählt und sollen im Aufsichtsrat sehr schnell durch neue Reformkräfte ersetzt werden. Bohuslav Svoboda begründete den Schnitt wie folgt:
„Die Hauptstadt Prag ist der 100-prozentige Eigentümer der Verkehrsbetriebe und wir sind der Meinung, dass jetzt die Zeit gekommen ist, in der wir sehr intensiv die Probleme in dem Unternehmen lösen müssen. Dazu brauchen wir die entsprechenden Leute im Aufsichtsrat, um dort unser Eigentumsrecht voll durchzusetzen.“
Josef Nosek, Tomáš Hudeček und Bohuslav Svoboda (Foto: ČTK)
Neben dem Sorgenkind Verkehrsbetriebe hat der neue Magistrat jedoch auch
gleich den Blick auf andere kostenintensive Ausgaben gerichtet. Die
markanteste von ihnen wäre die Neustrukturierung des kommunalen
Müllabtransports gewesen, doch der Milliardenauftrag wurde sofort
storniert. Dazu sagte der neue Vize-OB von der Partei Top 09, Tomáš
Hudeček:
„Der Verdacht, dass es sich dabei um einen völlig überzogenen Auftrag
handelte, war so groß, dass wir in dieser Sache nicht weitermachen
konnten.“
Moja verließ den Prager Zoo (Foto: ČTK)
Auch der Baubeginn der schon lange geplanten Metrolinie D wurde ein
weiteres Mal nach hinten verschoben. Es ist aber kein Wunder, dass die
Moldaustadt weiter sparen muss, denn das hochverschuldete Prag muss auch im
nächsten Jahr umgerechnet rund 31,7 Millionen Euro zur Schuldentilgung
aufbringen. Da war es für OB Svoboda am Dienstag auch nur ein schwacher
Trost, dass er eine der populärsten Pragerinnen beim Aufbruch zu ihrem
neuen Domizil verabschieden durfte – die fast siebenjährige Gorilla-Dame
Moja verließ den Prager Zoo und wird fortan im nordspanischen Tierpark
Cabárceno zu sehen sein.








