Tagesecho Nationalisten auf dem Vormarsch - Rechtsextremismus in Osteuropa
Nationalistische Parolen, Jagd auf Minderheiten, brutale Straßenkämpfe – die rechtsextreme Szene in Osteuropa ist auf dem Vormarsch. In ihrem Buch „Aufmarsch – Die Rechte Gefahr aus Osteuropa“ gewähren die Journalisten Gregor Mayer und Bernhard Odehnal einen tiefen Einblick in die nationalistischen Bewegungen in Ungarn, Bulgarien, Serbien, Kroatien, der Slowakei und Tschechien. Im Gespräch mit Radio Prag erläutert Bernhard Odehnal seine Einschätzungen zur tschechischen rechten Szene.
Tomáš Vandas (Foto: www.dsss.cz)
Tomáš Vandas ist wohl einer der bekanntesten Nationalisten Tschechiens.
Im Februar wurde seine offenkundig nationalistische „Arbeiterpartei“
Dělnická strana kurz vor den tschechischen Parlamentswahlen verboten.
Bei der Wahl im Mai bekam Vandas' neu gegründete „Arbeiterpartei der
sozialen Gerechtigkeit“ (DSSS) dann landesweit nur knapp 60.000 Stimmen.
Bernhard Odehnal kennt Vandas und seine Partei sehr gut. Seit Jahren
beobachtet er die wachsende
Bedrohung durch rechtsextreme Gruppierungen in Osteuropa und ist immer
mitten im Geschehen. Für das Buch „Aufmarsch – Die rechte Gefahr aus
Osteuropa“ analysierte er unter anderem auch die rechte Szene in
Tschechien. Die hat eine Besonderheit, verrät er:
„Arbeiterpartei“ Dělnická strana
„In Tschechien kommt der Antisemitismus eigentlich kaum vor. Er ist
auch in den rechtsextremen Bewegungen kein Thema. In der Slowakei ist das
zum Beispiel ganz anders: Da operiert die rechtsextreme Bewegung, die
'Slowakische Gemeinschaft', ganz offensiv mit Antisemitismus. Da
unterscheidet sich Tschechien schon sehr. Die Gemeinsamkeit liegt in den
Kampagnen gegen die Roma, gegen die angebliche
Zigeuner-Kriminalität.“
In der Slowakei oder auch in Ungarn stützen die Neonazis ihre Ideologien auf die mehr oder weniger faschistische Vergangenheit ihres jeweiligen Landes. Sie übernehmen zum Beispiel Parolen aus der Zeit der slowakischen Hlinka-Gardisten, oder marschieren in Ungarn auch heute noch in den Uniformen des Horthy-Regimes durch die Straßen. Das alles fällt in Tschechien weg.
Bernhard Odehnal
„Man sieht schon, dass sich die tschechischen Neonazis sehr schwer
tun, eine eigene Ideologie zu finden. Sie orientieren sich an den
deutschen Neonazis, und zwar an der jetzigen Szene. Es gibt keine
historischen Vorbilder, also greift man auf das zurück, was man heute
hat.
Alles das, was in Deutschland in den letzten zwei Jahren passiert ist –
die Wandlung von hierarchischen Strukturen zu autonomen Nationalisten –
das haben die tschechischen Neonazis nachgemacht“, so Odehnal.
Von Frühjahr bis Herbst 2009 recherchierte und arbeitete der Mittel- und Osteuropaexperte zusammen mit Gregor Mayer am Buch „Aufmarsch – Die rechte Gefahr aus Osteuropa“. Seither stagniere die rechtsextreme Szene in Tschechien, erklärt Odehnal.
„Aufmarsch – Die rechte Gefahr aus Osteuropa“
„Das liegt daran, dass der Staat einfach beherzt eingegriffen hat
und
dass es auch in der Gesellschaft starke Strömungen gibt. Ich denke da zum
Beispiel an die Demonstration in Dresden im vergangenen Februar, wo nicht
nur tschechische Neonazis nach Deutschland gegangen sind, sondern auch
tschechische Antifaschisten und ein tschechischer Minister. Mir ist
außerdem sehr wichtig zu sagen, dass Tschechien das einzige von den
Ländern ist, die wir bearbeiten, wo der Staat und die Gesellschaft den
rechtsextremen Strömungen nicht wehrlos gegenüberstehen. Man kann sie
bekämpfen und man kann sie wirksam bekämpfen. Wir sehen leider in
anderen
Ländern, dass diese Schritte nicht gesetzt werden.“
Das Buch „Aufmarsch – Die rechte Gefahr aus Osteuropa“ ist 2010 im Residenz Verlag erschienen und kostet 21,90 Euro.








