Nach Einsturz: Prag lässt alle Brücken überprüfen

Über 100 Brücken gibt es in Prag. Ein 250 Meter langer Fußgängersteg über die Moldau ist ohne Vorwarnung eingestürzt.

Fußgängersteg über die Moldau ist eingestürzt (Foto: Štěpánka Budková)Fußgängersteg über die Moldau ist eingestürzt (Foto: Štěpánka Budková) Samstag, 13.16 Uhr: ein Kontrollsensor meldet keinen Fehler. Um 13.18 Uhr kommt keine Meldung mehr. Der Steg liegt bereits in Trümmern. Kurz darauf werden Rettungskräfte vor Ort eingesetzt. Wegen des schlechten Zustands der Brücke wurde seit 2013 über Sensoren alle zwei Minuten gemessen, wie stark sie sich durchbiegt. Vladimír Hvízdala arbeitet für die Firma Pontex, die Brückenkonstruktionen entwirft:

„Wir hatten keine abweichenden Daten, die indiziert hätten, dass der Steg einstürzen könnte. Dort ist es etwas passiert, was wir rückwirkend nicht mehr erklären können.“

Die Brücke verband den nördlichen Prager Stadtteil Troja, wo sich der Botanische und der Zoologische Garten befinden, mit der sogenannten Kaiserinsel. Die Hängekonstruktion der Brücke stammte aus dem Jahr 1984. Der drei Meter breite Gehweg aus Betonplatten war an Stahlseilen aufgehängt. Es war bekannt, dass er sich in einem schlechten Zustand befindet. Eben deswegen wurden nach dem Hochwasser von 2013 regelmäßige Routinekontrollen eingesetzt. Der Prager Stadtrat Petr Dolínek (Sozialdemokraten) gab 2016 eine Überprüfung der Brücke in Auftrag:

Petr Dolínek (Foto Jana Trpišovská, Archiv des Tschechischen Rundfunks)Petr Dolínek (Foto Jana Trpišovská, Archiv des Tschechischen Rundfunks) „Damals wurde festgestellt, dass die Lebensdauer der Brücke noch vier bis fünf Jahre beträgt. Wir haben das gewusst und daher bekanntgegeben, dass die Brücke spätestens 2020 durch eine neue ersetzt werden muss.“

Nach der Ursache des Einsturzes wird noch gesucht. In die Ermittlungen wurde auch ein Gerichtsgutachter miteinbezogen. Erst nachdem er seine Arbeit abschließt, können die Überreste beseitigt werden. Dann werde die Brücke durch einen provisorischen Bau oder eine Fähre ersetzt, teilte Dolínek mit:

„An diesem Ort ist bei Überflutungen der stärkste Wasserdruck in Prag, denn das Tal ist dort eng. Daher muss dort eine Verbindung errichtet werden, die bei Hochwasser den Durchfluss nicht blockiert. Wie etwa eine Ponton-Brücke, die die Armee zur Verfügung hat.“

Beim Einsturz wurden vier Personen verletzt, zwei davon schwer. Die Hauptstadt hat versprochen, die Betroffenen zu entschädigen. Außerdem sollen alle Brücken in der tschechischen Hauptstadt nun überprüft werden. Petr Dolínek:

Eisenbahnbrücke zwischen Výtoň und Smíchov (Foto: Barbora Němcová)Eisenbahnbrücke zwischen Výtoň und Smíchov (Foto: Barbora Němcová) „Wir werden vorrangig jene Brücken kontrollieren, bei deren Bau dieselbe Technologie wie bei der eingestürzten genutzt wurde – das heißt, dass die einzelnen Teile an Stahlseilen aufgehängt wurden. In einer zweiten Phase werden alle weiteren Brücken in Prag überprüft.“

Über 100 Brücken führen in Prag über die Moldau oder über weitere Wasserläufe. Laut einer Analyse vom vergangenen Jahr müsste etwa ein Fünftel davon saniert werden. Mitte Dezember wird zum Beispiel die Eisenbahnbrücke zwischen Výtoň und Smíchov für Fußgänger geschlossen. Verhandelt wird auch über die Sperrung des Fußgänger-Stegs in Prag-Radotín. Außerdem droht, dass auf der Hlávka-Brücke in Prag-Holešovice der Straßenbahn-Verkehr eingestellt wird. Darüber soll in den nächsten Monaten entschieden werden.

Der Magistrat wies allerdings den Vorwurf zurück, die Stadt habe die Lage vernachlässigt. Dolínek zufolge wurden von 2014 bis 2017 insgesamt 1,25 Milliarden Kronen (49 Millionen Euro) in die Reparatur und den Bau von Brücken investiert.