Tagesecho Minderheitenstatuts für tschechische Vietnamesen? Premier Topolánek in Hanoi
Am Osterwochenende hat sich Premier Mirek Topolánek zu einem dreitägigen Staatsbesuch in Vietnam aufgehalten – keine Visite wie jede andere, denn das kommunistische Vietnam und das postsozialistische Tschechien verbindet ein gemeinsames Erbe.
Premier Mirek Topolánek auf Staatsbesuch in Vietnam (Foto: ČTK)
Im Rahmen sozialistischer Wirtschaftshilfe haben von den fünfziger bis in
die achtziger Jahre mehr als 200.000 Vietnamesen im damaligen Bruderland
Tschechoslowakei eine Ausbildung oder ein Studium absolviert; zehntausende
kamen als Gastarbeiter nach Böhmen – und viele sind geblieben. Rund
45.000 Vietnamesen leben derzeit in Tschechien – nach Slowaken und
Ukrainern bilden sie die drittgrößte nicht-tschechische Gemeinschaft im
Lande. Jetzt sollen sie auch offiziell als nationale Minderheit anerkannt
werden – darum jedenfalls hat der vietnamesische Regierungschef Nguyen
Tang Dung seinen tschechischen Amtskollegen Mirek Topolánek bei dessen
Besuch in Hanoi gebeten. Die tschechischen Vietnamesen könnten damit unter
anderem bessere Bedingungen im Schul- und Verbandswesen erhalten, meint
Marcel Winter, Vorsitzender der Tschechisch-Vietnamesischen Gesellschaft in
Prag.
„Das wäre eine enorme Hilfe, die sich die in Tschechien lebenden Vietnamesen ohne Frage verdient haben, denn bislang erstellen sie ohne jede staatliche Hilfe ihre eigenen vietnamesischen Tschechisch-Lehrbücher, geben ohne Unterstützung Zeitschriften heraus, in denen auch tschechischer Wortschatz und Grammatik geübt wird und betreiben nicht zuletzt auch aus eigner Kraft vietnamesische Kindergärten in Tschechien. Dabei muss man beachten, dass von allen nationalen Minderheiten in Tschechien gerade die Vietnamesen in den letzten Jahren die meisten Kinder bekommen haben.“
Premier Mirek Topolánek auf Staatsbesuch in Vietnam (Foto: ČTK)
Viele Familien leben schon in der zweiten Generation in Tschechien.
Während sich noch vor wenigen Jahren ein Großteil der Vietnamesen als
fliegende Händler durchgeschlagen hat, haben sich inzwischen viele als
Ladeninhaber und Unternehmer etabliert. Eine mögliche Anerkennung als
nationale Minderheit könnte den Arbeitsmarkt für tschechische Vietnamesen
zu beiderseitigem Vorteil weiter öffnen. Überhaupt müssten beide Seiten
weiter aufeinander zugehen, meint Marcel Winter:
Premier Mirek Topolánek auf Staatsbesuch in Vietnam (Foto: ČTK)
„Es ist auch nötig, dass wir, die tschechische Mehrheit, unsere
vietnamesischen Mitbürger besser kennen lernen. Denn wenn wir jemanden
verstehen wollen, dann müssen wir ihn erstmal kennen lernen. Und je näher
wir einander kommen, desto stärker werden wir feststellen, dass sich
Tschechen und Vietnamesen wirklich sehr ähnlich sind. Nur ein paar Fakten:
das beliebteste Getränk im Vietnam ist Bier, der beliebteste Sport
Fußball; bei uns sagt man ´Jeder Tscheche ist ein Musikant´ und in
Vietnam gehen alle in die Karaoke-Bar. Auch wenn die Länder 10.000
Kilometer voneinander entfernt liegen, sind sie sich in vielem ähnlich.“
Nicht zuletzt übrigens auch darin, dass beide Seiten an guten Geschäften interessiert sind – und um die ging es, trotz aller Systemgegensätze zwischen beiden Staaten, bei dem Besuch von Mirek Topolánek in Hanoi hauptsächlich. Mit dem Blick auf das strikte Regime in dem kommunistischen Land sprach Topolánek von Wandel durch Handel: Er vertraue auf Geschäft und Investitionen, so der tschechische Premier. Weitere Angelegenheiten wie die sprunghaft gestiegene Zahl der Visaanträge soll eine gemeinsame ministerielle Arbeitsgruppe lösen.






