Tagesecho Mehr Atom, weniger Abhängigkeit: Neues tschechisches Energiekonzept vorgestellt
Bisher geisterten immer wieder Zahlen und Angaben aus dem Energiekonzept der Regierung Nečas durch die Medien. Am Dienstag hat Industrie- und Handelsminister Martin Kuba das neue Energiekonzept offiziell der Öffentlichkeit vorgestellt, Ende August soll es bei einer Regierungssitzung besprochen werden. In der Zukunft soll der Anteil der Kernkraft am Energiemix verdoppelt und die Förderung der erneuerbaren Energien spürbar zurückgefahren werden.
Kernkraftwerk Temelín
Der massive Ausbau des Kernkraftwerks Temelín ist längst beschlossene
Sache, die Ausschreibung dazu läuft schon. Einzelne Maßnahmen des neuen
Energiekonzepts wurden bereits angestoßen, andere immer wieder einmal
angeschnitten. Nun wird das Konzept als Ganzes vorgelegt. Wichtigster
Punkt: der Anteil der Kernenergie am Energiemix der Tschechischen Republik
soll von derzeit 27 Prozent auf 55 Prozent im Jahr 2040 steigen. Neben dem
Ausbau von Temelín soll das zweite tschechische Kernkraftwerk in Dukovany
über die geplante Laufzeit hinaus verlängert und eventuell um einen
fünften Block erweitert werden. Auch den Bau eines dritten Atomkraftwerks
wollte Industrie- und Handelsminister Kuba nicht ausschließen:
Martin Kuba
„Wichtig ist, eine Lokalität zu finden, wo ein potentielles neues
Kraftwerk errichtet werden könnte. Derzeit rechnen wir nicht damit, diesen
Schritt gehen zu müssen. Es ist jedoch klar, dass die Tschechische
Republik vorbereitet sein muss, Planungen zur Suche eines geeigneten
Standorts für ein eventuelles neues Kraftwerk vorzulegen.“
Eine Begründung für den Ausbau der Kernenergie lieferte der Minister ebenso:
„Wir sind überzeugt davon, dass es für die Tschechische Republik eigentlich nur diese einzige Möglichkeit gibt, eine stabile und bezahlbare Energieversorgung sicherzustellen, und dabei gleichzeitig die Emissionen zu reduzieren und die Luftqualität zu verbessern. Ich denke, es ist ein Modell, das uns beachtliche Stabilität und nur eine geringe Abhängigkeit von den Nachbarn sichert.“
Martin Bursík (Foto: Jan Kříž, Archiv der Grünen)
Gerade die Abhängigkeit von anderen Staaten, insbesondere von
Gaslieferungen aus Russland, soll durch das neue Konzept reduziert werden.
Martin Bursík, Grünenpolitiker und ehemaliger Umweltminister, sieht indes
keine Gefahr, dass Tschechien abhängig von den Energielieferungen Dritter
sein wird:
„Derzeit führt die Tschechische Republik soviel Energie aus, wie das Kernkraftwerk Temelín produziert. Wir haben einen derartigen Überschuss, dass wir Strom exportieren. Also haben wir auch ein riesiges Potential zu sparen und können weiter die erneuerbaren Energien fördern.“
Die Förderung der erneuerbaren Energien spielt aber im Konzept der
Regierung Nečas keine große Rolle mehr. Die Gründe dafür erläutert
Minister Kuba:
„Wir rechnen nicht mehr damit, die erneuerbaren Energien in dem Maße zu
unterstützen, wie das bisher geschehen ist. Es wird einen festen
Ankaufpreis für diese Energie geben. Die Photovoltaikanlagen belasten den
Haushalt der Familien, der Geschäftsleute und des Staates mit fast 40
Milliarden Kronen (1,6 Milliarden Euro), produzieren aber nur etwa zwei
Prozent der Energie. Hier muss man sagen, das ist keine Lösung für die
tschechische Industrie.“
Das Energiekonzept der Regierung halte er daher für sehr ausgewogen und vernünftig, erklärte der Minister. Es garantiere eine stabile Energieversorgung zu guten Preisen, sowohl für die tschechischen Haushalte als auch für die Industrie bei gleichzeitig optimalem Schutz der Umwelt, so Kuba weiter. Martin Bursík ist da ganz anderer Meinung, er kritisiert das Konzept aus ökonomischer Sicht:
„Was mich am meisten an diesem Konzept stört, sind die fehlenden
ökonomischen Aspekte. Es finden sich nirgendwo Überlegungen, ob die
Energiequellen in Zukunft überhaupt konkurrenzfähig sein werden, wie sich
die Trends entwickeln werden. Das Konzept ist ideologisch nach politischen
Überlegungen entworfen worden und leider überhaupt nicht nach
rationalen.“







