Lidice: eine Warnung für die Zukunft

Mehrere hundert Menschen haben am Sonntag in Lidice an die ermordeten Bewohner des Dorfes gedacht. Bei einem Terrorakt der Nationalsozialisten am 10. Juni 1942 wurde Lidice ausgelöscht.

Gottesdienst in Lidice (Foto: ČTK / Ondřej Deml)Gottesdienst in Lidice (Foto: ČTK / Ondřej Deml) Ein Gottesdienst und die tschechische Nationalhymne waren am Sonntag der Auftakt zur Gedenkfeier im mittelböhmischen Lidice. Dutzende Delegationen legten danach Kränze am gemeinsamen Grab der in der NS-Zeit ermordeten Dorfbewohner nieder. Lidice sei eine Warnung für die Zukunft, so Premier Andrej Babiš (Ano) in seiner Ansprache:

„Wir sind uns alle dessen bewusst, dass an vielen Orten der Welt auch heute noch ähnliche Gräueltaten, Massenmorde und Vertreibung geschehen. Wir dürfen diese Risiken nicht unterschätzen und müssen alles dafür tun, um solche Dinge zu verhindern.“

Der Regierungschef lobte in diesem Zusammenhang die Mitgliedschaft Tschechiens in EU und Nato:

Andrej Babiš (Foto: ČTK / Ondřej Deml)Andrej Babiš (Foto: ČTK / Ondřej Deml) „Wir sollten es schätzen, dass wir in der Europäischen Union leben, einem der wichtigsten Friedensprojekte. Und dass wir Mitglieder der Nato sind: Diese garantiert uns Sicherheit, und Tschechien ist in der Allianz selbst ein aktiver und zuverlässiger Partner für andere Staaten.“

Unter den Gästen waren Vertreter der Politik, aber auch von Botschaften und verschiedenen Vereinen und natürlich die Angehörigen und Nachkommen der Opfer. Marie Šupíková wurde 1942 als kleines Mädchen zur Umerziehung nach Deutschland geschickt. Heute ist sie eine der 13 noch lebenden Frauen und damaligen Kinder, die nach dem Zweiten Weltkrieg in das wieder aufgebaute Dorf zurückkehrt waren. Wenn sie heute die Gedenkstätte am Ort der ehemaligen Gemeinde betrete, sehe sie nicht die Wiese, sondern das Dorf von damals, wie sie bei der Gedenkfeier gegenüber dem Tschechischen Fernsehen sagte:

Josef Štemberka (Foto: Public Domain)Josef Štemberka (Foto: Public Domain) „Ich sehe die Straße, ich sehe die Häuser, ich erinnere mich an die Gesichter der Menschen, die dort lebten. Danach bleibe ich am Denkmal der Kinder von Lidice stehen, viele von ihnen waren meine Freunde und Mitschüler.“

Der Künstler Zdirad Čech hat vor vier Jahren ein Keramikbild der Madonna von Lidice für den Altar am Ort der ehemaligen Kirche des Heiligen Martin geschaffen. Gegenüber dem Tschechischen Rundfunk erinnerte er bei der Gedenkfeier an den Pfarrer in Lidice, Josef Štemberka:

„Lidice verkörpert für mich vor allem Pater Štemberka. Er sollte am 9. Juni aus seinem Amt scheiden und war auf dem Erzdekanat in Kladno, um sich zu verabschieden. Damals kamen Leute zu ihm und berichteten: ‚Herr Pfarrer, die Deutschen besetzen Lidice.‘ Der Erzdekan bot ihm an, in Kladno zu bleiben, er sagte aber, es werde schlimm sein und die Menschen würden ihn brauchen. Er setzte sich auf sein Rad und fuhr nach Lidice.“

Josef Štemberka war einer der 173 Männer, die am nachfolgenden Tag, den 10. Juni, in Lidice erschossen wurden. Die Frauen des Dorfes wurden ins KZ Ravensbrück verschleppt, und die Kinder größtenteils in einem der nationalsozialistischen Vernichtungslager ermordet. Insgesamt 340 Menschen kamen bei dem Terrorakt ums Leben. Das Massaker war eine Vergeltungsmaßnahme für das Attentat auf den stellvertretenden Reichsprotektor Reinhard Heydrich im Mai 1942.