Tagesecho Kunstgewerbemuseum in Prag dokumentiert Raubkunst aus dem Zweiten Weltkrieg
Vor ziemlich genau 70 Jahren begannen die Nazis jüdische Familien im damaligen Protektorat Böhmen und Mähren systematisch zu enteignen. Welchen Gesamtwert die Güter hatten, die den etwa 100.000 Juden weggenommen wurden, kann niemand mehr schätzen. Einen kleineren Teil machten Kunstgegenstände aus. Einige dieser Raubstücke gelangten in die Sammlungen tschechischer Museen, meist als anonyme Spenden.
Das Kunstgewerbemuseum in Prag hat in den letzten Jahren mit Hilfe des
Zentrums zur Dokumentation von Raubkunst des Zweiten Weltkriegs erforscht,
wem die Gegenstände unsicherer Herkunft in seiner Sammlung gehört haben.
Nun werden die teils wertvollen Stücke wie etwa Gläser aus der
Renaissancezeit oder Porzellan zusammen mit Informationen über das
Schicksal der Eigner im Kunstgewerbemuseum ausgestellt. Dazu ein Interview
mit Museumsleiterin Helena Koenigsmarková:
Frau Koenigsmarková, das Kunstgewerbemuseum in Prag stellt Gegenstände aus, die zur so genannten Raubkunst gehören. Diese Gegenstände haben also die Nazis ab dem Jahr 1939 von Juden geraubt. Kann man sagen, dass diese Ausstellung eine ungewöhnliche Angelegenheit ist, zumindet für tschechische Verhältnisse?
„Ja, es ist in jeder Hinsicht eine ungewöhnliche Ausstellung. Normalerweise spreche ich über eine neue Ausstellung mit Begeisterung, dass wir etwas vorgestellt bekommen, was uns freut. Diese Ausstellung ist für uns ein bisschen schwierig. Denn bei diesen Gegenständen hätten wir eigentlich wissen müssen, woher sie kommen. Doch Jahrzehnte lang haben wir sie nicht identitfiziert gehabt, so wie es jetzt geschehen ist. Und das ist eine lange Geschichte seit dem Einmarsch in die Sudetngebiet 1938 und der Okkupation 1939 und natürlich dem, was nach 1945 und 1948 passiert ist.“
Helena Koenigsmarková (Foto: www.praha.eu)
Wie viele Gegenstände sind denn im kunstgewerblichen Museum gelandet. Und
wann haben Sie festgestellt, dass es sich um Raubkunst handelt und haben
dies dann mit den konkreten Schicksalen der Leute verbunden, die diese
Gegenstände früher besessen haben?
Amfora aus dem Besitz von Ella Grab (Foto: Kunstgewerbemuseum in Prag)
„Diese detaillierte Forschung war wirklich erst nach 1990 möglich. Da
konnten wir uns aber nur mit den Fällen beschäftigen, die namentlich
bekannt waren wie die Familie Valdes oder Moravec und andere weniger
bekannte. Sie konnten wir alle restituieren. Die anderen Fälle konnten wir
nur dank der Zusammenarbeit mit dem Zentrums zur Dokumentation von
Raubkunst des Zweiten Weltkriegs rekonstruieren. Die Mitarbeiter des
Instituts hatten Zugang zu den Archivmaterialien, das war für uns
wichtig.“
Wieviele Gegenstände haben sie wirklich als solche identifiziert die von den Nazis geraubt wurden?
„Im ersten Schritt sind das rund 400 Objekte.“
Raubkunst haben ja auch sicher andere Museen in Tschechien in ihren Sammlungen. Wie stellen sich ihre Kollegen zu diesem Problem?
„Eigentlich sind wir alle verpflichtet, diese Forschungsarbeit zu leisten. Nicht in allen Institutionen geht man damit frei um. Die Fachkräfte in den Museen arbeiten mit den Objekten nicht wegen des Ursprungs, sondern um die jeweilige Phase der Kunstgeschichte zu dokumentieren. Deswegen fällt es vielen schwer, diese Objekte frei als das zu bezeichnen, was sie sind. Ich halte dies aber für enorm wichtig.“
Die Ausstellung "Rückkehr der Erinnerung - das Schicksal der Opfer
des Holocaust" ist noch bis zum 28. September im Kunstgewerblichen
Museum in Prag zu sehen.








