Tagesecho James Bond statt Schwejk: Tschechen fliehen nach Spionageverdacht aus Sambia

03-01-2012 16:02 | Till Janzer

Mitte Oktober waren drei tschechische Touristen in Sambia verhaftet worden. Ihnen wurde Spionage vorgeworfen, nachdem sie angeblich ein Verbotsschild an einer Kaserne in der Hauptstadt Lusaka und ein Flugzeug einer Luftwaffenbasis fotografiert hatten. Kurz vor Silvester sind die drei Männer in ihre Heimat zurückgekehrt. Und zwar nach einer Geheimoperation der tschechischen Behörden.

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Foto: ČT24Foto: ČT24 Sambia ist ein Binnenland im südlichen Afrika. Drei Männer aus Tschechien wollten nur ein paar Tage dort bleiben, als sie im Oktober einreisten. Doch es wurden unfreiwillig zweieinhalb Monate daraus. Die Männer waren auf einen Abstecher aus Südafrika gekommen, wo sie bei dem Aufbau einer Fachmesse geholfen hatten. Sie hatten ein Mietauto und eine alte Karte von Sambias Hauptstadt Lusaka. Anhand der Karte stießen sie auf einen Flughafen, der dort als städtischer Flughafen bezeichnet war, und ein altes tschechoslowakisches Militärflugzeug beherbergte. Einer der Männer stieg aus dem Auto und zückte seine Kamera. Das wurde ihnen allen zum Verhängnis.

Luděk Zahradníček (Foto: Achiv des tschechischen Außenministeriums)Luděk Zahradníček (Foto: Achiv des tschechischen Außenministeriums) Ihrem Bericht nach waren sie sofort von Uniformierten umzingelt, man verhaftete sie und brachte sie auf die Polizeihauptstation von Lusaka. Sie wurden in eine Zelle gesteckt. Der Flughafen war nicht der städtische gewesen, sondern ein Militärflughafen, der Vorwurf der sambischen Behörden daher: Spionage. Ein Schock für die drei Tschechen. Der tschechische Botschafter im benachbarten Simbabwe, Luděk Zahradníček, erläutert, warum:

„Ihnen drohten zwischen 25 und 30 Jahren Gefängnis. Vielleicht hätten die sambischen Geheimdienste, die hinter dem ganzen Fall standen, einem Kompromiss zugestimmt und die Strafe wäre reduziert worden. Aber auch das hätte angesichts der Bedingungen in den sambischen Gefängnissen entweder das Todesurteil bedeutet oder zumindest das Risiko einer schweren Erkrankung.“

Lusaka (Haupstadt von Sambia)Lusaka (Haupstadt von Sambia) Nach einer Woche konnten die tschechischen Behörden erwirken, dass die Männer auf Kaution aus der Untersuchungshaft freikamen. Sie hielten sich danach in einem Rohbau auf, der dem Bruder des tschechischen Generalkonsuls gehörte. Das Außenministerium in Prag versuchte nun über unterschiedliche Kanäle zu erreichen, dass die Anklage gegen die Urlauber fallen gelassen würde. Aber vergeblich.

Kurz vor dem Jahreswechsel aber hatte der Albtraum für die Männer ein Ende. Am 29. Dezember kehrten sie nach Hause zurück. Die Umstände der Rückkehr sind indes unklar. Erst zu Neujahr wurde überhaupt bekannt, dass sich die Afrika-Urlauber wieder in Tschechien aufhalten. Auch der Sprecher des tschechischen Außenministeriums, Vít Kolář, schwieg auf beredte Weise:

Vít KolářVít Kolář „Ich kann nicht bestätigen, dass die drei in Sambia festgenommenen Tschechen freigelassen worden wären. Wir haben aber Informationen, dass sie sich in guter Verfassung in der Tschechischen Republik bei ihren Familien aufhalten und dort auch die letzten Tage des Jahres 2011 verbracht haben. Der Rechtsstreit in Sambia wird wahrscheinlich in ihrer Abwesenheit fortgesetzt. Er wird beweisen, dass die Anklage falsch war und die drei Tschechen unschuldig sind.“

Tschechische Journalisten stellen sich seither die Frage: Wie konnten die Urlauber überhaupt ausreisen? Die sambische Polizei hatte ihnen ja ihre Pässe abgenommen. Die Vermutung: Es war eine Geheimoperation des tschechischen Staates. Unter Umständen wurden die Männer mit falschen Pässen versorgt und sind vielleicht an den Viktoria-Wasserfällen unter falschem Namen außer Landes gereist. Auf jeden Fall wurden die sambischen Behörden nicht in Kenntnis gesetzt:

Viktoria-WasserfällenViktoria-Wasserfällen „Wie schnell die Behörden in dem afrikanischen Land bemerken werden, was passiert ist, kann ich nicht einschätzen“, meinte noch am Montag der tschechische Botschafter in Simbabwe, Luděk Zahradníček.

Und der Kommentator einer tschechischen Tageszeitung urteilte am Dienstag: Der Coup sei mehr James Bond gewesen als Schwejk.

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