Tagesecho Invasion 1968: Russische Zeitzeugen erinnern sich

22-08-2011 16:17 | Martina Schneibergová

Der 21. August 1968 hat das Leben in der Tschechoslowakei von einem Tag auf den anderen vollständig verändert. Der Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes hat das Leben einiger Generationen beeinflusst. Die Okkupation wurde inzwischen aus vielerlei Perspektiven dokumentiert. Bislang jedoch hat der Blick von der anderen Seite gefehlt. Die russische Sicht auf die Besetzung der Tschechoslowakei ist das Thema eines Buchs, das vorige Woche anlässlich des 43. Jahrestags des Einmarsches erschien. Am Sonntag, dem 21. August, brachte das öffentlich-rechtliche Fernsehen dann einen Dokumentarfilm, der auf diesem Buch basiert.

Download: MP3

„Wir waren Fallschirmspringer, eine Division, die darauf vorbereitet war, im Kampf einzugreifen und jedwede Aufgabe zu erfüllen. Unsere Befehlshaber und Politiker haben gewusst, dass wir gegen Zivilisten eingreifen müssen. Es wurde uns vorher gesagt, dass wir eventuell in die Menschenmenge schießen müssen. Wir durften an unserer Aufgabe nicht zweifeln.“

So erinnert sich Boris Schmailow an die Ereignisse vor 43 Jahren im Dokumentarfilm mit dem Titel „Invasion 1968. Ein russischer Blick“. Als 20jähriger Soldat nahm Schmailow am Einmarsch teil. Es gelang ihm damals, auch einige Fotos aus dem besetzten Prag nach Hause zu schmuggeln. Mit Abstand von 43 Jahren meint der ehemalige Soldat über die Okkupation der Tschechoslowakei:

„Ich persönlich halte mich für einen unfreiwilligen Mittäter und es tut mir leid, dass ich mich der schlechten Politik untergeordnet habe. Wir haben später die Verantwortung dafür gefühlt, was unsere Regierung verübt hat. Bis heute ist die Antipathie der tschechischen Bevölkerung gegenüber den Russen zu spüren. Einfache Leute zahlen dafür, wie die Regierung mit anderen Völkern gespielt hat.“

Im Unterschied zu Boris Schmailow, dem einfachen Soldat, hält General Pawel Kosenko bis heute die Okkupation der Tschechoslowakei für richtig. Kosenko ist einer der letzten noch lebenden sowjetischen Befehlshaber, die am Einmarsch in die Tschechoslowakei teilnahmen. Die Einwohner der Tschechoslowakei, die gegen die Aggressoren damals protestierten, hält der mehrfach ausgezeichnete General für „schädliche Elemente“. Und von erschossenen Zivilisten will er nichts wissen.

Josef PazderkaJosef Pazderka „Nein, erschossene Einwohner aus Prag hat es nicht gegeben. Ich habe so etwas nicht erlebt. Wir haben niemanden erschossen, totgeschlagen oder erhängt. Das schwöre ich auf meine Ehre als General der sowjetischen Armee.“

So der heute 90-jährige Kosenko.

Der Herausgeber des Buches über den Einmarsch von 1968 ist Josef Pazderka. Der ehemalige Berichterstatter des Tschechischen Fernsehens in Russland zeichnet auch für die Entstehung des gleichnamigen Dokumentarfilms verantwortlich. Für den Film sowie das Buch führte er Gespräche nicht nur mit ehemaligen Soldaten, sondern auch mit russischen Journalisten, die 1968 in der Tschechoslowakei arbeiteten. Pazderka zufolge ist die Okkupation der Tschechoslowakei für die Russen auch heute noch ein wichtiges Thema. Für den Dokumentarfilm hat er auch einige der russischen Intellektuellen interviewt, die damals gegen die Okkupation auf dem Roten Platz in Moskau protestierten:

„Für mich ist Natalia Gorbanewskaja die zentrale Person des ganzen Geschehens. Sie war eine der Dissidenten, die am 25. August 1968 auf dem Roten Platz demonstriert hat. Ich hatte die Gelegenheit, mit dieser Frau an dem Ort, an dem sie 1968 protestierte, zu drehen. Als ich mir dann die damalige russische Wochenschau angesehen habe, wurde mir klar, was für eine Hölle diese Leute dort durchmachen mussten. Es ist faszinierend, dass sich unter dem Druck der schrecklichen Propaganda dort trotzdem einige Leute fanden, die ein Nein zur Okkupation gesagt haben.“

Das Buch enthält nicht nur Erinnerungen und Meinungen von Zeitzeugen. Historiker beschreiben darin auch die Aktivitäten des sowjetischen KGB, der in der besetzten Tschechoslowakei zahlreiche Geheimoperationen leitete.

Artikel bookmarken

Nicht verpassen

In dieser Ausgabe finden Sie auch

Letní Letná: Was für ein Zirkus

Iwi Hagenau

Cirkus Cirkör Letní Letná, also „Sommer-Letná“, heißt das zweiwöchige Zirkusfestival auf der Spitze des Letná-Berges in Prag. Das achte Jahr in Folge...mehr...

Ähnliche Artikel

mehr...

Rubrikenarchiv

mehr...

Aktuelle Sendung in Deutsch