Tagesecho Intellektuelle zwischen Prager Frühling und dem Ende des Kommunismus

11-05-2009 15:58 | Eva Schermutzki

Marketa Spiritova – geboren in Prag und 1982 als Zehnjährige mit ihren Eltern nach Deutschland ausgewandert. In München wurde sie jetzt mit dem Georg R. Schroubek Dissertationspreis ausgezeichnet. In ihrer Dissertationsarbeit geht es um die Verfolgung tschechischer Intellektueller während der Zeit der Normalisierung. Eva Schermutzki hat die Preisträgerin am Telefon gesprochen.

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Marketa SpiritovaMarketa Spiritova „Es gibt diesen Schroubekfonds seit 2007. Man muss für diesen Preis vorgeschlagen werden, ich konnte mich selbst gar nicht bewerben. Das Kuratorium hat sich über ein Jahr hinweg beraten. Ich habe mich natürlich wahnsinnig gefreut, als ich diesen Preis bekommen habe. Ich war sehr glücklich darüber und bin es immer noch.“

Marketa Spiritova bekam im April diesen Jahres den Preis des Schroubekfonds für ihre Dissertation verliehen. Die Kulturwissenschaftlerin hat untersucht, wie sich das Leben von Intellektuellen durch die kommunistische Unterdrückung verändert hat. Es dauerte fünf Jahre bis die Forschungen beendet und die Ergebnisse zu Papier gebracht waren.

„Ich bin immer wieder für längere Aufenthalte nach Prag gefahren. Dort habe ich Zeitzeugen zu ihrem Alltagsleben im Sozialismus, im Normalisierungsregime befragt, wie sie ihren Alltag bewältigt haben, welche Strategien sie entwickelt haben. Ich habe mir ihre Lebensgeschichten erzählen lassen.“

Für Tschechien und die tschechische Geschichte interessiert sich Marketa Spiritova, weil sie in dem Land geboren wurde und Slawistik studiert hat. Und warum steht in ihrer Arbeit die intellektuelle Schicht im Mittelpunkt?

„Das speist sich aus meinem Interesse für tschechische Literatur. Ich hatte schon in meinem Studium einige Schriftsteller und Literaturwissenschaftler kennen lernen dürfen. Und mich hat auch interessiert, wie sie in den 70er und 80er Jahren gelebt haben, als sie eben keine Professoren mehr sein durften, sondern in Heizkellern heizen mussten oder als Nachtwächter gearbeitet haben.“

Was Marketa Spiritova erstaunt hat, war die Offenheit, mit der die Menschen über dieses schwere und teilweise traumatische Kapitel ihres Lebens berichteten. Sie machte die Erfahrung, dass das Interesse der jüngeren Generation vermisst wird. Aber nicht nur die Lebensgeschichten selbst waren für sie interessant. Als Kulturwissenschaftlerin beschäftigen Spiritova noch andere Aspekte.

„Für mich war es interessant, wie die Menschen sich erinnern. Wie sie das sprachlich zum Ausdruck bringen, und vor allem, woran sie sich erinnern, was vergessen wird, was beschönigt wird. 20 Jahre ist die Wende jetzt her. Heute überwiegen vor allem die positiven Erinnerungen und die Leute sagen: `Wenn der Mensch ins Wasser springt, dann muss er schwimmen.`“

Die Erinnerungen der Zeitzeugen kann Marketa Spiritova nun dank des Preisgeldes veröffentlichen. Die Erinnerungen mögen subjektiv und unvollständig sein. Doch gerade diese persönlichen Geschichten erzählen davon, wie schwer es war in diesem System zu leben.

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