Tagesecho Holocaust-Gedenken: Auch junges Neonazi-Opfer war dabei

27-01-2009 17:01 | Martina Schneibergová

Ähnlich wie in vielen anderen Ländern ist der 27. Januar auch in Tschechien der Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust. Im Senat des Tschechischen Parlaments trafen aus Anlass dieses internationalen Gedenktages Holocaust-Überlebende, Vertreter der jüdischen Gemeinden sowie tschechische Parlamentarier zu einer Veranstaltung zusammen. Martina Schneibergová war dabei.

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Přemysl SobotkaPřemysl Sobotka Der Gastgeber der Gedenkversammlung, Senatspräsident Přemysl Sobotka, warnte zu Beginn vor Antisemitismus sowie vor einer gewissen Naivität, der er manchmal begegne. Dagegen helfe, so Sobotka, kein Gesetz, sondern entscheidend seien die Aktivitäten aller anständigen Menschen. Für seine Worte erntete er den Beifall des Publikums, in dem vorwiegend ältere Menschen zu sehen waren. Für die Holocaust-Überlebenden biete das Treffen im Prager Senat auch eine Möglichkeit, miteinander zu reden, sagt Petr Riesel:

„Dieser Tag ist für mich ergreifend, rührend und er erinnert mich daran, dass ich überlebt habe und dass daraus für mich bestimmte moralische Pflichten folgen. Jetzt in meinem Alter habe ich eine Art Energie in mir entdeckt und will nicht gleichgültig sein. Voriges Jahr nahm ich an den Protestversammlungen vor der Synagoge in Pilsen teil, als Neonazis dort einen Umzug organisiert haben. Ich habe darüber auch einige Texte veröffentlicht. Die Öffentlichkeit würde ich auf die Worte des Schriftstellers Karel Čapek hinweisen. Er würde auch heute wieder schreien: ´Achtung, Molche!´“

Unter den Holocaust-Überlebenden saß auch ein junger Mann, dem abschließend ein Blumenstrauß überreicht wurde. Als er zum Podium ging, konnte man sehen, dass ihm das Gehen Probleme bereitet. Der 22-jährige Jakub aus Strakonice wurde im Mai vergangenen Jahres wurde auf der Straße von zwei Neonazis schwer verletzt.

„Ich habe zwei Neonazis gesehen, die den Hitlergruß machten und ´Sieg Heil´ riefen. Ich musste da eingreifen, weil ich so etwas nicht mag. Da bin ich aber hoffentlich nicht der einzige. Ich habe sie zurechtgewiesen und habe dafür von ihnen einen Messerstich in den Hals gekriegt.“

Illustrationsfoto: Štěpánka BudkováIllustrationsfoto: Štěpánka Budková Jakubs Mut hat ihn seine Gesundheit gekostet: Nach dem Angriff der Neonazis war er halb gelähmt, allmählich aber verbessere sich der Gesundheitszustand, sagt er. Die Aufmerksamkeit der Umgebung brachte ihn anscheinend ein wenig in Verlegenheit. Die Einladung der Holocaust-Überlebenden hat ihn überrascht:

„Das habe ich nicht erwartet. Es ist für mich etwas Neues. In einer solchen Gesellschaft bin ich noch nie gewesen. Ich bin trotz allen Folgen froh, dass ich das damals gemacht habe.“

Der Holocaust-Gedenktag wurde in Tschechien erst vor fünf Jahren offiziell eingeführt. Er soll an die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau am 27. Januar 1945 erinnern.

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