Tagesecho Holocaust-Gedenken: Auch junges Neonazi-Opfer war dabei
Ähnlich wie in vielen anderen Ländern ist der 27. Januar auch in Tschechien der Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust. Im Senat des Tschechischen Parlaments trafen aus Anlass dieses internationalen Gedenktages Holocaust-Überlebende, Vertreter der jüdischen Gemeinden sowie tschechische Parlamentarier zu einer Veranstaltung zusammen. Martina Schneibergová war dabei.
Přemysl Sobotka
Der Gastgeber der Gedenkversammlung, Senatspräsident Přemysl Sobotka,
warnte zu Beginn vor Antisemitismus sowie vor einer gewissen Naivität,
der
er manchmal begegne. Dagegen helfe, so Sobotka, kein Gesetz, sondern
entscheidend seien die Aktivitäten aller anständigen Menschen. Für
seine
Worte erntete er den Beifall des Publikums, in dem vorwiegend ältere
Menschen zu sehen waren. Für die Holocaust-Überlebenden biete das
Treffen
im Prager Senat auch eine Möglichkeit, miteinander zu reden, sagt Petr
Riesel:
„Dieser Tag ist für mich ergreifend, rührend und er erinnert mich
daran, dass ich überlebt habe und dass daraus für mich bestimmte
moralische Pflichten folgen. Jetzt in meinem Alter habe ich eine Art
Energie in mir entdeckt und will nicht gleichgültig sein. Voriges Jahr
nahm ich an den Protestversammlungen vor der Synagoge in Pilsen teil, als
Neonazis dort einen Umzug organisiert haben. Ich habe darüber auch
einige Texte veröffentlicht. Die Öffentlichkeit würde ich auf die Worte
des Schriftstellers Karel Čapek hinweisen. Er würde auch heute wieder
schreien: ´Achtung, Molche!´“
Unter den Holocaust-Überlebenden saß auch ein junger Mann, dem abschließend ein Blumenstrauß überreicht wurde. Als er zum Podium ging, konnte man sehen, dass ihm das Gehen Probleme bereitet. Der 22-jährige Jakub aus Strakonice wurde im Mai vergangenen Jahres wurde auf der Straße von zwei Neonazis schwer verletzt.
„Ich habe zwei Neonazis gesehen, die den Hitlergruß machten und ´Sieg Heil´ riefen. Ich musste da eingreifen, weil ich so etwas nicht mag. Da bin ich aber hoffentlich nicht der einzige. Ich habe sie zurechtgewiesen und habe dafür von ihnen einen Messerstich in den Hals gekriegt.“
Illustrationsfoto: Štěpánka Budková
Jakubs Mut hat ihn seine Gesundheit gekostet: Nach dem Angriff der
Neonazis war er halb gelähmt, allmählich aber verbessere sich der
Gesundheitszustand, sagt er. Die Aufmerksamkeit der Umgebung brachte ihn
anscheinend ein wenig in Verlegenheit. Die Einladung der
Holocaust-Überlebenden hat ihn überrascht:
„Das habe ich nicht erwartet. Es ist für mich etwas Neues. In
einer
solchen Gesellschaft bin ich noch nie gewesen. Ich bin trotz allen Folgen
froh, dass ich das damals gemacht habe.“
Der Holocaust-Gedenktag wurde in Tschechien erst vor fünf Jahren offiziell eingeführt. Er soll an die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau am 27. Januar 1945 erinnern.








