Tagesecho Hitler-, Himmler- und Heydrich-Puppen – In Tschechien werden Nazifiguren verkauft
Auf den ersten Blick sehen die Puppen aus wie Ken, der männliche Gefährte von Barbie. Die Figuren aber, die man in einigen tschechischen Geschäften für Modellwaren kaufen kann, tragen die Züge von führenden Nazis, wie Adolf Hitler oder Joseph Goebbels. Sammlerstücke oder Propagandamaterial? Diese Frage wird derzeit in Tschechien diskutiert.
Ein Modellwarengeschäft in einem großen Prager Einkaufszentrum. Adolf
Hitler ist bereits ausverkauft. In der Auslage stehen deshalb nur noch die
originalgetreuen Nachbildungen von Nazigrößen wie SS-Chef Heinrich
Himmler oder dem stellvertretenden Reichsprotektor für Böhmen und Mähren
Reinhard Heydrich. Die Figuren, die die Größe von Barbiepuppen haben,
tragen historische Uniformen, die bis in die Details wie SS-Rangabzeichen
dem Original nachempfunden sind. Sie kosten umgerechnet etwas mehr als 80
Euro. Ihr Verkauf ist in Tschechien - im Gegensatz zu Deutschland - nicht
verboten.
Miroslav Mareš
„Aus ethischer Sicht komme mir das zwar auch nicht in Ordnung vor. Die
Lieferanten, an die wir vertraglich gebunden sind, stellen aber
Nachbildungen sämtlicher Kriegspersönlichkeiten her“, verteidigt sich
Matěj Pecka, der Mitinhaber des Modellwarengeschäfts. Im Sortiment seien
zum Beispiel auch Winston Churchill und verschiedene japanische
Weltkriegsgeneräle. Auf der Verpackung ist ein kurzer Lebenslauf der
entsprechenden Person abgedruckt und welche Taten auf ihr Konto gehen. Für
Propagandamaterial hält Pecka die Figuren daher nicht.
Diese Haltung vertritt auch der Politologe und Extremismusforscher Miroslav Mareš:
Foto: Kristýna Maková
„Der Krieg ist nun schon fast 70 Jahre her, und aus unserer Geschichte
lässt er sich nun einmal nicht ausblenden. Und wenn das irgendwelche
Figuren aus einer Kollektion über die Kriegsgeschichte sind, dann würde
ich das nicht für einen so tragischen Verstoß gegen die Moral halten.“
Ähnlich gelassen sieht die Angelegenheit auch Tomáš Kraus, der
Sekretär des Verbandes der jüdischen Gemeinden in Tschechien:
Milouš Červencl
„Wenn so etwas im historischen Kontext präsentiert wird und es dabei
nicht zu einer Heroisierung dieser Figuren kommt, dann kann man dagegen
nichts einwenden. Eine wichtige Rolle spielt hier die Bildung. Wenn junge
Menschen ein entsprechendes Wissen über den Zweiten Weltkrieg haben und
wissen wofür diese Personen standen, dann ist das Risiko zum Missbrauch
geringer.“
Ein Verkaufsverbot würde nichts lösen, sagt Kraus. Wer solche Figuren unbedingt haben wolle, der könne sie auch in anderen europäischen Ländern kaufen.
Gegen ein Verbot ist auch Milouš Červencl, der Leiter der Gedenkstätte in Lidice. Das Dorf wenige Kilometer nordwestlich von Prag wurde im Juni 1942 von den Nazis ausgelöscht - als Vergeltungsaktion für das Attentat auf Reinhard Heydrich wenige Tage zuvor. „Ich persönlich halte die Figuren für absolut überflüssige Erzeugnisse“, sagt Červencl. Wenn jemand sich so eine Figur zur Komplettierung seiner Sammlung kaufe, dann könne er das aber eventuell noch verstehen.
Gedenkstätte in Lidice
Auch wenn sich die Aufregung über den Verkauf der Nazipuppen in Grenzen
hält, ist Händler Pecka die mediale Aufmerksamkeit unangenehm. Die für
die tschechische Geschichte heikelste Figur, Reinhard Heydrich, werde er
wohl aus dem Sortiment nehmen. Die Resonanz sei „nicht unbedingt
positiv“ gewesen.








