Havel verurteilt Vertreibung - Abschiedsbesuch in Berlin

Viel wurde im Vorfeld der letzten Deutschlandreise von Vaclav Havel darüber spekuliert, ob sich der Präsident am Ende seiner Amtszeit noch einmal zu der Vertreibung der Sudetendeutschen und den sog. Benes-Dekreten äußern würde, die besonders im vergangenen Jahr für so viele Turbulenzen im tschechisch-deutschen Verhältnis sorgten. Er hat es getan. Mehr dazu erfahren Sie im folgenden Bericht von Silja Schultheis, die Vaclav Havel am Freitag während seines Berlin-Besuchs begleitet hat.

Dagmar Havlova, Vaclav Havel und Richard von Weizsäcker (Foto: CTK)Dagmar Havlova, Vaclav Havel und Richard von Weizsäcker (Foto: CTK) Bereits seine erste Auslandsreise als damals noch tschechoslowakischer Präsident habe ihn nach Berlin geführt, erinnerte sich Vaclav Havel am Freitagabend im Berliner Schloss Bellevue, wo sich auf Einladung von Bundespräsident Johannes Rau 70 prominente Gäste aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur versammelt hatten. Eine seiner ersten Lektionen für das Präsident-Sein habe er von dem damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker erhalten. Mit seinem jetzigen Besuch habe sich für ihn auch innerlich ein Kreis geschlossen, so Havel:

"Ich habe immer geglaubt, dass eine gute Beziehung zu Deutschland einer der Grundpfeiler unserer guten Stellung in Europa und in der Welt sowie unserer guten Beziehung zu uns selbst ist."

Aus dieser Überzeugung heraus hatte Havel bereits 1990 als erster Politiker überhaupt die Vertreibung bedauert und sogar angeregt, den Vertriebenen eine doppelte Staatsbürgerschaft anzubieten. In Tschechien war er mit dieser Geste auf harsche Kritik gestoßen, in Deutschland verpuffte diese Anregung damals und wurde weder von maßgeblichen Politikern aufgegriffen noch von den Sudetendeutschen selbst gewürdigt. Heute, so hatte Havel zwar im Vorfeld seines Besuches angekündigt, sei die Zeit der "großen Gesten" vorbei. Dennoch äußerte sich der Präsident am Freitag zu dem heiklen Thema nach Jahren noch einmal mit Worten, die an Klarheit nichts zu wünschen übrig ließen:

"Ich habe immer geglaubt, dass wir auch - im eigenen Interesse - fähig sein sollten, nicht nur die moderne deutsche Geschichte und das von deutschem Boden hervorgegangene Böse zu reflektieren, sondern auch unsere eigene Geschichte und die grausamen Handlungen, die wir - wenn auch als Antwort auf grausame Handlungen Anderer - selbst begingen."

Er sei zuversichtlich, so Havel weiter, dass die Tschechische Republik früher oder später auch in ihrer kritischen historischen Selbstreflexion noch weiter fortschreiten werde. Es bestehe heute kein Grund mehr zu Befürchtungen, dass ausgesprochene Wahrheiten, wie immer sie sein mögen, missbraucht werden.

Vaclav Havel und Johannes Rau (Foto: CTK)Vaclav Havel und Johannes Rau (Foto: CTK) Bundespräsident Rau würdigte Vaclav Havel als großen Europäer, der in Deutschland so populär sei wie kaum ein anderer ausländischer Politiker:

"Das hat bestimmt auch damit zu tun, dass sie mehr sind als ein Politiker. Als Schriftsteller sind Sie hart mit den Machthabern des kommunistischen Regimes in Ihrem Lande ins Gericht gegangen. Sie wurden ein Stachel im Fleisch des Totalitarismus. Ihre im Gefängnis geschriebenen 'Briefe an Olga' gehören zu den eindrücklichsten und bewegendsten Stücken Widerstandsliteratur, die ich kenne. Sie waren der Katalysator für Prozess er Veränderungen, der sich wie ein Flächenbrand auf alle Staaten des früheren Ostblocks ausbreitete und der zum Kollaps des politischen und gesellschaftlichen Systems dieser Länder führte."