Hans Zeidler liest in Usti n.L. aus "Ossi - Ossizissimus" / Gedanken zum Bild des Ostdeutschen in Tschechien

Acht Jahre lang hat der Dresdener Autor Hans Zeidler (geb. 1931) am Lehrstuhl für Germanistik der Universität Usti nad Labem / Aussig gelehrt, und die unmittelbare Nachwende-Zeit Anfang der 90er Jahre somit an einer gerade neu gegründeten tschechischen Hochschule miterlebt. Am Dienstag nun kam Zeidler in seiner Eigenschaft als Autor nach Usti, und las hier aus seinem sechsteiligen Zyklus mit dem Titel: Ossi Ossizissimus. Es handelt sich dabei um den Versuch einer Typologie des Ostdeutschen. Diese Gelegenheit nutzte ich, um anschließend mit einigen der anwesenden Zuhörer über das Bild des Ostdeutschen in Tschechien zu diskutieren.

Hana Bergerova, Leiterin des Lehrstuhls für Germanistik an der Pädagogischen Fakultät in Usti nad Labem:

"Ich denke, dass die meisten Leute einfach mit den Wessis nicht so oft in Berührung kommen, die meisten Deutschen, die uns begegnen, sind Sachsen. Aber fragen Sie mich jetzt nicht, wie ein typischer Ossi aussieht oder sich verhält. Ich habe zwar lange in Sachsen gelebt, aber gerade aus dieser Erfahrung heraus weiß ich, dass man typische Sachsen oder Ossis gar nicht finden kann. Wenn man zwischen Ossis und Wessis unterscheidet, dann vielleicht so, dass die Ossis uns und unsere jetzigen Probleme besser verstehen, weil sie durch ähnliche Phasen durchgegangen sind. Den Wessis ist vieles fremd, den Wessis muss man viel mehr erklären als den Ossis, so dass mir persönlich vielleicht die Ossis näher stehen."

Die Studentin Misa Duchackova verbindet mit den Ostdeutschen weniger persönliche Erfahrungen als vielmehr ein Bild, das sie sich aus den Erzählungen anderer gemacht hat:

"Ich habe auch Vorurteile, aber die resultieren nicht aus meiner eigenen Erfahrung. Ich kann mir einen Ossi vorstellen, aber das ist eine Vorstellung, die schon von jemand anders kommt. Wenn ich Ossi sage, dann sehe ich einen dicken Mann vor mir, der laut ist, belästigend. Aber im Grunde unterscheide ich das nicht. Ich sehe einen Deutschen und denke nicht daran, ob er ein Ossi oder ein Wessi ist. Ich sehe den Unterschied nicht."

Renata Cornejo, Dozentin am Lehrstuhl für Germanistik, erinnert an ein verbreitetes Stereotyp, wonach der Ossi von den Tschechen mit einem vorlauten Menschen identifiziert wird:

"der sich manchmal auch sehr arrogant verhält, vor allem gegenüber den Tschechen - so empfinden sie das zumindest. Mit einem Menschen, der sich ein wenig steif verhält, nicht besonders improvisationsfreudig ist. Das hängt vielleicht auch damit zusammen, dass man den Ossi hier vielfach mit dem Deutschen als Preußen identifiziert. Mit dem Wessi ist das schon schwieriger. Also mir ist zumindest nicht bekannt, dass es hier ein ganz spezifisches Bild vom Wessi gibt."

Und der Autor selber, Hans Zeidler, was hat ihn eigentlich veranlasst, den "Ossi Ossizissimus" zu schreiben?

"Den Ossi gibt es nicht und den Wessi auch nicht. Ich bin eigentlich überhaupt dagegen, dass man das so trennt. Aber da man es eben so trennt, habe ich nach dem Vorbild des Simplicius Simplicissimus den Ossi Ossizissimus geschrieben - eine Lebensgeschichte für die Wessis, dass sie uns besser verstehen lernen."

Der zeitliche Bogen in den sechs Bänden des"Ossi Ossizissimus" reicht vom Zusammenbruch der Weimarer Republik bis zur Einführung des EURO. Bislang sind erschienen:
1. Buch: "Wie ein deutscher Junge gemacht wurde", 2002
2. Buch: "Ossips Krieg", 2002
Das 3. Buch ("Die wilden Jahre") erscheint in Kürze.