Gleichstellung: in Tschechien Utopie?

Die Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen sind in Tschechien gewaltig. Das bestätigt das Justizministerium in einem aktuellen Bericht.

Foto: Europäische KommissionFoto: Europäische Kommission In Großbritannien sorgte im Januar der Fall einer BBC-Moderatorin für Aufsehen. Die Journalistin wollte wissen, wie viel weniger sie als ihre männlichen Kollegen verdient. Das Ergebnis war erschreckend und bestätigte einen Vorstoß des britischen Parlaments – Arbeitgeber müssen schon seit vergangenem Jahr die Gehälter ihrer Angestellten auf Anfrage öffentlich machen.

So weit ist die Diskussion in Tschechien noch nicht. Dabei klafft die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen hierzulande weit auseinander – es sind mehr als 21 Prozent. Das bestätigt auch ein Bericht des Justizministeriums zur Gleichstellung. Robert Pelikán ist geschäftsführender Ressortchef:

Radan Šafařík (Foto: Tschechisches Fernsehen)Radan Šafařík (Foto: Tschechisches Fernsehen) „Die Unterschiede zwischen Männern und Frauen in der Bezahlung bestehen weiterhin. Es klappt aber immer noch nicht, sie annährend zu beseitigen.“

Besonders schlimm ist es bei Frauen mit Hochschulbildung, dort liegt die Lohnlücke bei ganzen 30 Prozent. Zudem sind Frauen hierzulande viel stärker von Altersarmut bedroht, denn ihre Renten sind im Schnitt um 18 Prozent niedriger als die von männlichen Ruheständlern. Radan Šafařík ist bei der Regierung für Gleichstellung zuständig. Für ihn hat die Lohnschere eine ganz klare Ursache:

„In der Altersgruppe bis 30 Jahre, also bevor sie im Schnitt eine Familie gründen, verdienen Frauen nur rund zehn Prozent weniger. Das ‚nur‘ will ich dabei in Anführungszeichen setzen. Der Einbruch erfolgt dann tatsächlich erst, wenn die Familie ins Spiel kommt und die Frauen dem Arbeitsmarkt für eine vergleichsweise lange Zeit fernbleiben.“

Helena Skálová (Foto: Tschechisches Fernsehen)Helena Skálová (Foto: Tschechisches Fernsehen) Die Leiterin der Organisation „Gender studies“, Helena Skálová, sieht in Tschechien jedoch keine Aussicht auf Besserung. Vieles drohe durch politische Entscheidungen sogar schlechter zu werden, meinte sie gegenüber dem Tschechischen Rundfunk:

„Derzeit droht eine Novelle des Schulgesetzes gekippt zu werden, die ab 2020 Kindergartenplätze für Unter-Dreijährige garantieren soll. Da argumentiert man dann sehr merkwürdig, dass die Regelung angeblich die Wahlfreiheit der Mütter beschneide.“

Das Justizministerium, das in Tschechien auch für Gleichstellung sorgen soll, will aber nicht untätig bleiben. Gemeinsam mit dem Bericht stellt es daher bestimmte Maßnahmen vor, die die Lohnschlucht langsam zuschütten sollen. Justizminister Pelikán:

Robert Pelikán (Foto: Rijksoverheid/Martijn Beekman, CC BY 2.0)Robert Pelikán (Foto: Rijksoverheid/Martijn Beekman, CC BY 2.0) „Wir wollen unter anderem die Vorschulerziehung ausbauen. Außerdem wollen wir durchsetzen, dass beide Elternteile die Elternzeit untereinander aufteilen können. Denn gerade die ist in Tschechien außergewöhnlich lang und steht tatsächlich oft hinter den niedrigeren Gehältern für Frauen.“

Frauen verdienen in Tschechien im Schnitt 21,8 Prozent weniger als Männer. Das ist EU-weit der zweitschlechteste Wert. Größer ist die Lohnlücke nur noch in Estland, dort verdienen Frauen 25,3 Prozent weniger als die Männer. Dies geht aus einer Eurostat-Studie hervor, die zum Weltfrauentag veröffentlicht wurde. Am geringsten war die Lohnlücke in Rumänien (5,2), Italien (5,3) und Luxemburg (5,5). Im EU-Durchschnitt lag die Differenz im Jahr 2016 bei 16,2 Prozent.