Tagesecho Gedenken an Hochwasser 2002: Děčín – Streit um eine Betonmauer
Das Hochwasser von 2002 hatte bewiesen, dass der Hochwasserschutz in Tschechien nicht mehr den Anforderungen entsprach. Allein an der Elbe wurden seitdem mehr als 100 Millionen Euro in neue Schutzanlagen investiert. Meist handelt es sich um stationäre oder mobile Wände, unterirdische Barrieren oder Deiche. Doch solche Maßnahmen sind auch umstritten. In der letzten Folge unserer Serie zum zehnten Jahrestag der Katastrophe berichten wir aus dem nordböhmischen Děčín / Tetschen. Dort hatte sich ein heftiger Streit um eine Flutschutzmauer entzündet.
Schloss Děčín
Im Schlosspark von Děčín sind Baumaschinen vorgefahren. Vor zehn Jahren
hatte die Elbe den Schlosspark und die benachbarte Poliklinik völlig unter
Wasser gesetzt. Damit das nicht noch einmal passiert, lässt der staatliche
Wasserwirtschaftsbetrieb Unterelbe (Povodí Labe) an der Poliklinik eine
fast zweieinhalb Meter hohe Schutzwand errichten. Doch dagegen erhob sich
lautstarker Protest. Denn die Betonmauer schützt zwar die Poliklinik,
zerstört aber zugleich Teile des Schlossparks. Kamil Repeš leitet die
Filiale der Naturschutzorganisation „Arnika“ in Děčín. „Arnika“
hatte in den vergangenen Jahren den Protest gegen die Mauer organisiert.
Kamil Repeš
„Die Flutschutzmauer wird den Schlosspark auf immer zerstören und
darüber hinaus auch eine archäologische Fundstätte, die für Děčín
ganz besonders wertvoll und praktisch nicht zu ersetzen ist.“
1400 Unterschriften wurden für eine Petition gesammelt, um die Mauer zu verhindern. Doch erfolglos: Die Stadt entschied sich für das aus ihrer Sicht kleinere Übel. Um die Poliklinik zu schützen, nimmt der Magistrat eine Zerstörung des Parks in Kauf. Jiří Mach vom Wasserwirtschaftsbetrieb Unterelbe, der die Mauer geplant hat, verteidigt jedoch das Vorhaben:
„Ich denke nicht, dass wir Menschen, die täglich oder wenigstens einmal die Woche zum Arzt müssen, daran hindern sollten. Und zwar, indem wir eine Poliklinik überschwemmen lassen, die nicht mal ein zehnjähriges Hochwasser übersteht, das im Schnitt einmal in zehn Jahren vorkommt. Eine Poliklinik muss einfach geschützt werden, und dieser Gedanke hat sich letztlich durchgesetzt.“
Jiří Mach (Foto: Martina Bílá)
Mach hält die Betonmauer sogar am besten für die Natur. Jede andere
Variante hätte den Park nur noch mehr beeinträchtigt. Das gilt auch für
mobile Flutschutzwände.
„Jedes andere Bauwerk als diese Betonmauer würde diesen wertvollen Ort weitaus mehr beschädigen. Dann müssten wir Zufahrtswege für schwere Technik verlegen, um die mobilen Schutzwände aufstellen zu können.“
Doch Kamil Repeš von der Naturschutzorganisation „Arnika“ hält diese Argumente nur für vorgeschoben. Die Poliklinik sei nur ein willkommenes Feigenblatt gewesen, um den eigentlichen Grund zu verschleiern: nämlich so viel Geld zu verbauen, wie möglich.
Die Mauer wird doch gebaut (Foto: Archiv Arnika)
„Aus unserer Sicht ging es nur darum, Fördermittel aus der
Europäischen Union zu bekommen. Dafür mussten bestimmte Bedingungen
erfüllt werden. Also wurde das Projekt mit dem Schutz einer medizinischen
Einrichtung begründet, weil das die Wahrscheinlichkeit auf Fördermittel
erhöht. Interessant ist in dem Zusammenhang, dass es diese medizinische
Einrichtung an dem Ort wohl bald nicht mehr geben wird. Heute wird bereits
offen darüber diskutiert, die Poliklinik zu schließen und das Gebäude
anders zu nutzen.“
Auch wenn die Mauer nun doch gebaut wird – für Kamil Repeš war der Protest trotzdem erfolgreich.
„Der Protest hat die Menschen aus ihrer Lethargie geweckt und sie dazu gebracht, sich mehr für ihre Stadt zu interessieren.“







