Tagesecho Freigabe von Cannabis-Medikamenten – „Hoffnung auf Schmerzlinderung“

19-08-2011 16:06 | Iwi Hagenau

Junge Tschechen gelten als die Europameister beim Konsum von Marihuana. Das Thema wird vor allem von den tschechischen Medien häufig aufgegriffen. Am Dienstag wurde eine neue Diskussion um dieses Betäubungsmittel entfacht. Ärzte, Patienten und Wissenschaftler haben begonnen, Unterschriften für die Freigabe von Cannabis zur Behandlung von Schwerkranken zu sammeln. Am Freitag äußerte sich auch die Vorsitzende des Abgeordnetenhauses, Miroslava Němcová, zu diesem Vorhaben. Sie unterstützt die Aktion.

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Die Verwendung von Cannabis in der Medizin hat eine sehr lange Tradition. Schon 2800 vor Christus experimentierten die Chinesen mit dem pflanzlichen Mittel. Seit dem 18. Jahrhundert werden Cannabis-Medikamente auch von westeuropäischen Medizinern hergestellt und verschrieben. Nach und nach wurden die so genannten Cannabinoid-basierten Medikamente aber von anderen Mitteln abgelöst.

Seit Mai 2011 dürfen auch in Deutschland Cannabis-Medikamente wieder von den Apotheken verkauft werden – Aber nur gegen die Vorlage eines Rezepts. Die Medikamente sollen Patienten helfen, die an der Parkinson-Krankheit, an Multipler Sklerose, Krebs oder Aids erkrankt sind. Eine Kampagne dafür wurde nun auch in Tschechien gestartet. Am Dienstag wurde eine Unterschriftenaktion präsentiert. An die Spitze der Bewegung hat sich am Ende der Woche auch die Vorsitzende des Abgeordnetenhauses, Miroslava Němcová, gesetzt. Im Gespräch mit dem Tschechischen Rundfunk mahnte die bürgerdemokratische Politikerin zur Eile:

Miroslava NěmcováMiroslava Němcová „Ich habe drei Sitzungen einberufen und möchte, dass wir so schnell wie möglich alle Unterlagen zusammentragen, damit wir die Gesetzesnovelle zu Papier bringen könne. Dieses Gesetz sieht die Legalisierung von Cannabis für medizinische Zwecke vor. Ich denke, dass jegliches Leiden um keine weitere Minute und um keinen weiteren Tag verlängert werden sollte, wenn es doch die Hoffnung auf Schmerzlinderung gibt.“

Schon am Dienstag machte das Gesundheitsministerium darauf aufmerksam, dass in Tschechien bereits ein Cannabis-Medikament zugelassen ist. Der Vorsitzende der Demokratischen Bürgerpartei (ODS) in Prag und Arzt Boris Šťastný äußert sein Unverständnis:

Boris ŠťastnýBoris Šťastný „Ich kann dieses Vorhaben überhaupt nicht nachvollziehen. In Tschechien gibt es schon längst die Möglichkeit, Cannabis-Medikamente zu beziehen. Am 13. April dieses Jahres hat das Staatliche Institut für Arzneimittelkontrolle das erste Mittel dieser Art registriert. Sativex heißt es und es enthält Hanf. Ich bin auch dafür, dass in Zukunft weitere begründete Heilmittel, die Hanf enthalten, registriert werden. Wenn sie den Patienten helfen, dann ist es richtig. Ich möchte nur nicht, dass diese Medikamente rezeptfrei verkauft werden und ich bin auch gegen die Legalisierung von Marihuana.“

Laut einer Umfrage befürworten 78 Prozent der Tschechen die Legalisierungsidee. Argumentiert wird vor allem mit Forschungsergebnissen zu medizinischen Erfolgen in anderen Ländern, zum Beispiel Österreich, der Schweiz, Israel oder Kanada.

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