Ex-Präsident Havel: Mit dem Kult des Gewinns verschwindet Demut

Der tschechische Ex-Präsident Václav Havel gilt wenigstens in einem Teil der tschechischen Gesellschaft immer noch als unfehlbare Autorität. Nach einer längeren Zeit ließ der Ex-Präsident dieser Tage wieder in den Medien von sich hören. Zur Eröffnung der internationalen Konferenz Forum 2000 warnte Havel die Menschheit vor Hochmut und dem Streben nach kurzfristigem Gewinn.

Václav Havel (Foto: ČTK)Václav Havel (Foto: ČTK) „Die Welt, in der wir leben wollen“ ist das Motto des diesjährigen internationalen „Forum 2000“. Die Konferenzteilnehmer suchen in diesem Jahr in Prag nach Wegen, wie man die Umwelt positiv beeinflussen könnte. Der Forums-Gründer, Ex-Präsident Václav Havel, erklärte am Sonntagabend in seiner Eröffnungsrede, er wolle zuerst mit seinen persönlichen Eindrücken beginnen. Er verglich das Bild, das sich ihm am Stadtrand von Prag vor Jahren geboten hat, mit dem Bild von heute.

„Das, was noch vor kurzem eine klar definierte Stadt war, verliert heutzutage seine Grenzen und damit auch seine Identität. Rundherum wächst jedoch ein Kranz von etwas, worüber ich nicht weiß, wie ich es nennen soll. Es ist keine Stadt in dem Sinne, wie ich mir eine Stadt vorstelle. Es ist auch keine Vorstadt und kein Dorf. Es sind zufällig placierte riesige Lagerhallen, Industriezonen ohne Industrie, Super- und Hypermärkte, Auto- und Möbelgeschäfte, Tankstellen, riesengroße Parkplätze, einsame hohe Bürogebäude ohne Mieter, Müllhalden und irgendwelche Komplexe von Villen, die zwar nahe zueinander, aber eigentlich doch einsam stehen.“

Václav Havel (Foto: ČTK)Václav Havel (Foto: ČTK) Am meisten störe ihn, so der Ex-Präsident, dass es zwischen diesen Objekten Stücke von Landschaft gibt, die weder Wiesen oder Wälder, noch eine sinnvolle Menschensiedlung seien. Jemand lasse ständig zu, dass unsere Städte die umliegende Landschaft, die Natur, die Wege, Dörfer unkontrolliert vernichteten. Anstelle dessen werde eine gigantische Agglomeration aufgebaut, die die Netze natürlicher Menschengemeinschaften zerreiße, so Havel. Aus dieser uferlosen Konsumkollektivität entspringe eine neue Art der Einsamkeit.

Václav Havel sagte: „Es ist keine Stadt in dem Sinne, wie ich mir eine Stadt vorstelle. Es ist auch keine Vorstadt und kein Dorf.“Václav Havel sagte: „Es ist keine Stadt in dem Sinne, wie ich mir eine Stadt vorstelle. Es ist auch keine Vorstadt und kein Dorf.“ Wir leben Havel zufolge in der ersten globalen und auch ersten atheistischen Zivilisation, einer Zivilisation, die die Beziehungen zum Endlosen und zur Ewigkeit verloren hat. Das Gefährlichste an dieser Zivilisation sei deren Stolz, so der Ex-Präsident. Er spüre hinter diesem Trend eine sich global verbreitende Kurzsichtigkeit sowie ein übermäßiges Selbstbewusstsein dieser Zivilisation.

„Wir sind davon überzeugt, dass diese Allwissenheit uns berechtigt, dem zu dienen, was nachweisbar zweckmäßig ist oder was einen messbaren Gewinn bringt. Mit dem Kult des messbaren Gewinns verschwindet jedoch der Respekt gegenüber dem Geheimnis und mit ihm auch die Demut gegenüber dem, was wir nie messen und erkennen werden.“

Die wirtschaftliche Krise sei ein wichtiges Zeichen für die gegenwärtige Welt gewesen, so Havel:

„Ich bin mir sicher, dass sich die heutige Zivilisation in eine Katastrophe stürzen wird, falls sich die Menschheit nicht besinnt. Und besinnen kann sie sich nur dann, wenn sie sich mit der Kurzsichtigkeit, dem Stumpfsinn und dem überwucherten Stolz auseinandersetzt. Es ist notwendig, zu staunen und sich mit der Unselbstverständlichkeit der Dinge zu plagen. Ich hoffe, dass sich das diesjährige Forum 2000 nicht nur mit der Architektur und dem Urbanismus beschäftigen wird, die als Hauptthema gewählt wurden, sondern auch mit deren breiteren Zusammenhängen.“

Shirin Ebadi (Foto: ČTK)Shirin Ebadi (Foto: ČTK) Das internationale Forum 2000 initiierte Havel während seiner Präsidentschaft. In diesem Jahr wird das Forum bereits zum 14. Mal veranstaltet. Unter den Teilnehmern sind namhafte Persönlichkeiten aus verschiedenen Bereichen, so auch die iranische Menschenrechtlerin und Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi.