„Es spricht Johannes Urzidil“ – historische Aufnahmen von Radio Bremen

Johannes Urzidil – der Todestag des deutsch-böhmischen Schriftstellers jährte sich am 2. November zum 40. Male. Weit weg von Prag, im Rundfunkarchiv von Radio Bremen nämlich, wurden einmalige Interview-Aufnahmen mit Urzidil gefunden, diesem Repräsentanten einer Prager Kulturszene, die von den Nazis ausgelöscht wurde. Johannes Urzidil wurde 1896 in Prag geboren, floh 1939 vor den Nazis zunächst über Italien nach England, und seit 1941 lebte er in den USA. Die Archivaufnahmen stellten die Radio-Bremen-Redakteure Libuše Černá und Michael Augustin im Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren vor. Nach der Veranstaltung sprach Christian Rühmkorf mit Michael Augustin.

Johannes UrzidilJohannes Urzidil „Es spricht Johannes Urzidil“ das ist der Titel eines Urzidil-Abends, den Sie, Michael Augustin, zusammen mit Ihrer Kollegin Libuše Černá hier im Prager Literaturhaus gestaltet haben. Ganz im Gegensatz zu anderen literarischen Abenden über tote Dichter spricht hier Urzidil selbst. Wie kam es dazu?

„Ja, wir haben natürlich das große Glück, dass Radio Bremen seit den frühen 1950er Jahren - diese Zusammenarbeit mit Urzidil begann 1953 – seine Kurzgeschichten gesendet hat und dass es zwei große Interviews gegeben hat, die eine Kollegin - Irmgard Bach - 1958 und 1962 mit Urzidil geführt. Das ist das Material, das die Grundlage bildet für so einen Abend.“

Michael AugustinMichael Augustin Worüber berichtet Johannes Urzidil in diesen beiden Gesprächen?

„Das eine Gespräch hat die Kollegin damals für eine Sendereihe des Schulfunks von Radio Bremen gemacht. Die hieß ´Als ich 17 war´. In dieser Sendereihe haben Prominente wie Günter Grass oder Carl Zuckmayer über die Zeit erzählt, als sie 17 waren, sodass Schüler, die diese Sendung gehört haben, sich in die Kinderwelt dieser Prominenten sozusagen einklinken konnten. Und Johannes Urzidil war einer der Prominenten, der aus seiner Zeit erzählt hat. Das heißt also, als er 17 war, war das so ungefähr das letzte Jahr vor dem Ersten Weltkrieg. Das war das ausklingende österreichische Kaiserreich. Da schien alles sich noch in einer gesicherten Welt abzuspielen. Und das erzählt Urzidil auch. Er erzählt von Gesprächen mit seinem Vater, von dem Leben im Prag jener Jahre, aber er erzählt auch von den Umbrüchen, die es gegeben hat mit dem Ende des österreichischen Kaiserreiches und mit der Zeit, die danach beginnt.“

Gedenktafel für Johannes Urzidil in Prag (Foto: www.wikimedia.org)Gedenktafel für Johannes Urzidil in Prag (Foto: www.wikimedia.org) Ein tiefer Einblick in das alte, versunkene Prag, das es nicht mehr gibt - und das andere Gespräch?

„Das hat mich wirklich fast zu Tränen gerührt, als ich mir das im Archiv zum ersten Mal angehört habe. Da ist 1958 meine Kollegin Irmgard Bach nach New York gefahren und hat Urzidil bei sich zu Hause in der Wohnung besucht. Und Urzidil beschreibt dann, wie er aus dem Fenster blickt auf den Ozean und sozusagen die Sichtverbindung ins alte Europa hat. Aber auch gleichzeitig, wenn er den Kopf ein wenig wendet, blickt er auf die Stadt New York. Und diese beiden Pole seiner Existenz in jener Zeit, die beschreibt er dort sehr ausführlich. Er beschreibt, unter welchen Bedingungen er im Exil gelebt hat. Urzidil hat auch - weil er mit seiner Schreiberei im Exil nicht existieren konnte - kunstvolle Lederkästchen hergestellt. Er hat dem Handwerk mindestens die gleiche Bedeutung zukommen lassen, wie dem schöpferischen Schreiben. Das finde ich sehr, sehr anrührend. Urzidil erzählt in diesem Interview in New York auch über seine Zeit in Prag in den 20er Jahren, über die Multikulturalität in der Stadt Prag. Also nicht etwa nur über das Nebeneinanderexistieren der tschechischen Kultur, der deutschen und der jüdischen Kultur, sondern über die Verschmelzung, über die Verbindungen, die es gegeben hat. Das hat er gelebt, und man hört es, wenn er erzählt.“

Libuše ČernáLibuše Černá Wie würden Sie die Art beschreiben, in der Johannes Urzidil spricht, erzählt. Das schien mir wie etwas, was es heute wirklich nicht mehr gibt…

„Nein, das gibt es heute nicht mehr. Das ist der Ton einer wirklich vergangenen Zeit. Seine Diktion ist großartig. Er ist auch sehr stolz darauf und betont es immer wieder, dass er das Prager Deutsch spreche. In dem Interview sieht er sich auch als einer der letzten Repräsentanten dieser Sprache. Für mich ist das ein ganz großes Erlebnis. Wenn man so ein Interview hört, hat man wirklich die Illusion – oder vielleicht ist es gar keine Illusion - einer persönlichen Begegnung mit diesem Menschen. Und das freut mich - das kann das Radio. Und so etwas liegt in einem Radioarchiv, und ich bin sehr glücklich darüber, dass man es aus so einem Archiv auch wieder herausholen und es anderen Leuten zu Gehör bringen kann.“