Tagesecho „Ein wichtiger Impuls“ – Tomáš Kafka zum Gastland Tschechien bei der Buchmesse Leipzig 2019

28-01-2016 15:11 | Annette Kraus

Tschechien wird in 2019 das Gastland auf der Buchmesse Leipzig – endlich, sagen viele, denn zuletzt stand das Land dort 1995 im Blickpunkt. Warum es so lange gedauert hat, und wie sich die tschechische Literatur in vier Jahren präsentieren könnte, dazu nun ein Gespräch mit Tomáš Kafka. Der Schriftsteller und derzeitige Ressortleiter Mitteleuropa im tschechischen Außenministerium war vor 21 Jahren als Kulturattaché an der Buchmesse beteiligt.

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Tomáš Kafka (Foto: YouTube)Tomáš Kafka (Foto: YouTube) Herr Kafka, was sagen Sie dazu, dass Tschechien 2019 im Mittelpunkt der Buchmesse Leipzig stehen wird?

„Ich begrüße es zunächst einmal. Es ist eine gute Wahl. Ich selbst war vor über 20 Jahren bei der Buchmesse involviert. Das war nicht nur eine gute Chance, tschechische Literatur zu präsentieren, sondern vor allem auch um persönliche Kontakte zu knüpfen. Wenn die tschechische Literatur heute etwas nötig hat, dann ist es weniger eine bombastische Selbstdarstellung, sondern vielmehr einen Impuls, dass die Leute, die sich mit Literatur beschäftigen, Gleichgesinnte in Deutschland finden können – sowohl unter den Verlagsmenschen als auch unter den Lesern. Außerdem wird so deutlich, dass Literatur auch heutzutage in unseren Verhältnissen etwas zu sagen hat.“

Buchmesse Leipzig (Foto: Je-str, CC BY-SA 3.0)Buchmesse Leipzig (Foto: Je-str, CC BY-SA 3.0) Warum hat es ihrer Meinung nach doch eher lange gedauert, bis Tschechien wieder Gastland wurde?

„Ich glaube, in Tschechien spielt Literatur eine zwiespältige Rolle. Einerseits lesen die Menschen ziemlich viel, aber sie lesen eigentlich mehr für sich selbst. Das heißt, Lesen ist weniger ein gesellschaftliches Phänomen, wie es das vor der Wende war, oder wie man es vielleicht aus Deutschland kennt. In Tschechien ist es etwas Intimeres, wenn auch mit einer öffentlichen Dimension. Ich glaube aus dieser Spannung heraus, ist es etwas kompliziert den richtigen Drive abzuleiten, um selbstbewusst zu sagen: Jetzt ist die tschechische Literatur in einer guten Verfassung, um im Ausland die entsprechende Wertung zu finden, was dann auch die Kosten rechtfertigen würde. In dieser Hinsicht sind die Leute eher geneigt zu sagen, wenn wir schon Geld übrig hätten für den Literaturbetrieb, wäre es wichtiger innerhalb der Leselandschaft Tschechien zu investieren, damit die Literatur auch hier auch öffentlichkeitsmäßig ein bisschen ernster genommen wird. Das ist vielleicht einer der Gründe, warum die Literatur sich mehr mit der Situation hier beschäftigt hat und weniger damit, im Ausland wahrgenommen zu werden.“

Foto: Barbora KmentováFoto: Barbora Kmentová Und ist der Zeitpunkt nun gut – wenn man die derzeitige Literatur in Tschechien betrachtet?

„Ich glaube, wir haben viel zu viel Zeit damit zugebracht haben, über den richtigen Zeitpunkt nachzudenken. Daher war es vielleicht einfach an der Zeit, diese Überlegungen und das Risiko beiseite zu schieben, als sich die Chance ergeben hat. Ich kenne die jüngeren Autoren nicht so gut, aber ich habe gehört, dass sie gerne für Leser und weniger für sich selbst schreiben. Das erfüllt mich mit der Hoffnung, dass ihre Werke gut verstanden werden und auch ein guter Impuls für die deutsch-tschechischen Debatten sein können. Ohne zu wissen, worauf man sich freuen könnte, möchte ich mich einfach ins Blaue freuen.“

Thomas Brussig (Foto: Vincent Eisfeld, CC BY-SA 4.0)Thomas Brussig (Foto: Vincent Eisfeld, CC BY-SA 4.0) Denken Sie, es ist für ein eher kleines Land wie Tschechien schwerer oder leichter eine Auswahl für die Buchmesse zu treffen? Das Kulturministerium hat angekündigt, 30 bis 40 Autoren nach Leipzig schicken zu wollen…

„Sehr gut wäre es, wenn die Autoren in Deutschland und Tschechien bestimmte Beziehungen parat hätten. Denn es ist sehr wertvoll, wenn ein deutscher Autor vielleicht seinen tschechischen Kollegen einführen könnte. Etwas Ähnliches konnte ich im vergangenen Jahr mit Thomas Brussig hier in Prag erfahren. Daraus ist eine wunderschöne Freundschaft geworden. Das würde ich den Organisatoren auf beiden Seiten wünschen: Dass vor allem unter den Autoren die öffentliche Präsentation nicht nur als Sache des Geldes, sondern als freundschaftliche Angelegenheit erscheinen könnte.“

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