Deutschböhmische Literatur neu: Forschungsstelle in Prag eröffnet

Die Prager deutsche Literatur beziehungsweise die deutschsprachige Literatur aus Böhmen: Eine neue Forschungsstelle an der Prager Karlsuniversität will dieses Phänomen nun neu aufarbeiten und dabei nicht mehr unter den falschen Annahmen, unter denen es in der Vergangenheit erforscht wurde.

Manfred Weinberg (Foto: Archiv der Prager Karlsuniversität)Manfred Weinberg (Foto: Archiv der Prager Karlsuniversität) Die deutschsprachige Literatur aus Prag und Böhmen wurde schon früher an der Prager Karlsuniversität erforscht. Was ändert sich also mit der Gründung der Stelle? Manfred Weinberg leitet diesen Forschungsbereich und erklärt:

„Sie war an der Universität ein Thema. Sie war aber auch vor der Niederschlagung des Prager Frühlings an der Akademie der Wissenschaften der Tschechoslowakischen Republik ein Thema. Diese Forschungsstelle hat damals Kurt Krolop geleitet. Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings wurde sie aber geschlossen, und Krolop des Landes verwiesen. Dann konnte er 1989 zurückkehren und hier am Lehrstuhl arbeiten. Allerdings ist er dann pensioniert worden, und in der Zeit danach war es nicht mehr der ausdrückliche, der nachgewiesene Schwerpunkt dieses Instituts.“

Das soll sich jetzt ändern. Dabei wolle man aber auch klarmachen, dass sich die wissenschaftlichen Ansätze gegenüber der Forschung in den 1960er Jahren gewandelt hätten, sagt Weinberg:

Eduard Goldstücker (Foto: Tschechisches Fernsehen)Eduard Goldstücker (Foto: Tschechisches Fernsehen) „Um es kurz zu sagen, die Voraussetzungen waren damals, dass man gesagt hat, die Prager deutsche Literatur oder die Autoren der Prager deutschen Literatur seien alles humanistische Autoren gewesen. Dagegen gab es die bösen, nationalistischen oder präfaschistischen sudetendeutschen Autoren. Eduard Goldstücker hat geschrieben, dass die Prager Autoren der Prager deutschen Literatur in einem dreifachen Ghetto als Juden unter Christen, als Deutsche unter Tschechen und als sozial Höhergestellte unter sozial Niedrigergestellten gelebt hätten. Alle diese Zuschreibungen haben eigentlich nur dazu gedient, die Voraussetzungen zu klären, warum man als Marxist unter kommunistischen Bedingungen über diese dekadenten bürgerlichen, bourgeoisen Autoren reden kann. Inzwischen ist klar, dass diese harten Abgrenzungen falsch waren, zumindest übertrieben, sodass wir uns einfach um neue Voraussetzungen bemühen. Wir versuchen, das ganze Kommunikationsnetz, in dem die Autoren der Prager deutschen und deutsch-böhmischen Literatur gelebt haben, sehr deutlich zu machen. Das heißt, an einem Punkt kann ich es noch einmal verdeutlichen: Wir wollen viel stärker auf die Austauschprozesse zwischen deutscher und tschechischsprachiger Literatur und den jeweilig beteiligten Autoren achten.“

Štěpán Zbytovský (Foto: Archiv der Prager Karlsuniversität)Štěpán Zbytovský (Foto: Archiv der Prager Karlsuniversität) Die konkreten Ziele der Forschungsstelle erläutert Štěpán Zbytovský, einer der fünf Mitbegründer:

„Einerseits sind es Dinge, die auf der neuaufgebauten Webseite zugänglich sind. Das sind zwei Datenbanken. Die eine ist eine bibliografische Datenbank zur deutsch-böhmischen Literatur, in der alle möglichen Anthologien und Zeitschriften allmählich erfasst werden sollen. Daneben gibt es auch eine Textdatenbank, in der eher Texte von Akademikern als von Literaten gesammelt werden, sie waren in Prag und im Umfeld der deutsch-böhmischen, deutsch-tschechischen Kultur und Universitätsbetriebe irgendwie tätig.“

Diese Informationsquellen sollen vor allem Wissenschaftlern dienen. Man will sich aber auch an die breitere Öffentlichkeit wenden.

Kurt Krolop (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prag)Kurt Krolop (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prag) „Es entsteht jetzt schon ein Handbuch für die deutschsprachige Literatur in den böhmischen Ländern, das im nächsten Jahr beim Metzler-Verlag erscheinen soll. Im weiteren Horizont planen wir eine umfangreichere akademische Geschichte der deutschsprachigen Literatur in Böhmen, tatsächlich nur auf Böhmen eingeschränkt, aber desto fundierter und tiefergehend.“

Die Forschungsstelle wird dem bedeutenden Literaturhistoriker Kurt Krolop zu Ehren „Kurt Krolop Forschungsstelle“ benannt. Offiziell eröffnet wird sie im Rahmen der Feierlichkeiten und einer Konferenz zu Krolops 85. Geburtstag an diesem Freitag in der Deutschen Botschaft Prag.