Tagesecho Deutsch-tschechische Grenzraumproblematik

19-07-2004 | Katrin Müller

Am 1. Mai ist Europa ein ganzes Stück zusammen gerückt. Die EU-Außengrenzen haben sich weiter gen Osten verlagert. Solche Grenzen sind sensible Gebiete, die nach erhöhter Aufmerksamkeit verlangen. Zwischen Deutschland und Tschechien lag die Außengrenze. Somit waren beide Völker angehalten, miteinander zu kooperieren. Wie die Zusammenarbeit in der Realität funktioniert, darüber berichtet Katrin Müller.

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Schon lange vor dem EU-Beitritt haben sich deutsche und tschechische Städte, Gemeinden und Kreise zusammen geschlossen, um die Idee zu verfolgen, Vertrauen und grenzüberschreitende Zusammenarbeit zu fördern und grenzübergreifende Entwicklungen in allen Lebensbereichen zu unterstützen. Dennoch erschweren es kulturelle, sprachliche und wirtschaftliche Unterschiede, vollkommen urteilsfrei und aktiv miteinander zu arbeiten.

Im Grenzgebiet Deutschland-Tschechien liegen noch immer erhebliche Probleme vor. Vor allem liegt es an der Bereitschaft, aufeinander zuzugehen und miteinander zu kommunizieren. Gerade Deutsche sind meist nicht gewillt, die Sprache des Nachbarn zu erlernen. Und gerade der jüngeren Generation mangelt es an Motivation und Interesse, sich der tschechischen Kultur anzunehmen. Zu diesem Thema habe ich zwei Zeitungsjournalisten, einen deutschen, Thoralf Meissl und einen tschechischen, Vladislav Podracy, befragt. Beide beschäftigen sich vor allem mit der Grenzraumproblematik.

"Ein Problem meiner Meinung nach ist, dass viele deutsche Jugendliche noch nicht die Notwendigkeit erkannt haben, die tschechische Sprache zu lernen. Viele sind der Meinung, dass der Benzinkauf und Bierstellung auch noch auf Deutsch zu schaffen ist. Das ändert sich maximal, wenn man eine Freundin auf der anderen Seite der Grenze hat. Dann bräuchte man vielleicht das Tschechisch, aber bis dahin nicht. Und zum anderen sagen die Tschechen, dass die Jugendlichen auf ihrer Seite der Grenze die netteren Menschen sind."

Im Grenzraum Tschechiens spielen neben fehlendem Interesse, den Nachbarn besser kennen zu lernen, auch noch andere Faktoren eine Rolle.

"Das Interesse ist nicht identisch. Es liegt in erster Linie an der wirtschaftlichen Kraft. Für den Tschechen kann eine Fahrt zu einer Konzertveranstaltung in 70 km Entfernung eine finanzielle Belastung darstellen. Umgekehrt ist es manchmal eine leichte Entscheidung.. Andererseits ist der Tscheche daran interessiert, wo es besser bezahlte Arbeit oder günstige Einkaufsmöglichkeiten gibt. Allerdings muss man dazu sagen, dass es in jüngster Zeit gemeinsame Projekte, wie z.B. ein grenzüberschreitendes Rettungssystem, gibt. Aber auch andere Dinge, die von gemeinsamen Interesse sind und grenzübergreifenden Charakter haben, wie Verkehrsverbindungen über die Grenze hinaus, werden immer häufiger. Beide Seiten sind an einem gemeinsamen und guten Funktionieren interessiert."

Trotz vieler bestehender Klischees, die sich auch hin und wieder bestätigen, ist eine Zusammenarbeit in den Grenzgebieten nahezu unabdingbar, da es sich nicht nur um zwei nebeneinander liegende Staaten handelt, sondern auch um eine Region mit allen ihren.

Bei der Frage danach, wie bzw. ob man sich eine gemeinsame Zukunft vorstellt, sind sich die Deutschen und die Tschechen einig: Vieles hängt von der Wirtschaftslage ab. Ändert sich diese nicht, sehen sie auch keine fruchtbaren Veränderungen im gemeinsamen Umgang. Die Entscheidung darüber, ob etwas materiell profitabel ist oder nicht, spielt eine zu große Rolle. Die Einsicht, dass durch den kulturellen Austausch Welten bewegt werden könnten, ist noch nicht gekommen. Dennoch erwartet man aus tschechischer Sicht eine Vertiefung der Zusammenarbeit. Aber alles hängt von der Wirtschaftslokomotive Deutschland ab. Vladislav Podracy ist davon überzeugt, dass, wenn es wirtschaftlich gut geht, dass dann auch die Zusammenarbeit ertragreicher sein kann - und das nicht nur im kulturellen Bereich. Die deutsche Seite vertritt die gleiche Ansicht.

"Das wird eine Arbeit der vielen kleinen Schritte, so wie wir bisher auch vorgegangen sind. Wunder sind hier nicht zu erwarten. Das ist eine sehr lange Überzeugungsarbeit, die auch viel davon abhängt, wie sich die wirtschaftliche Lage in beiden Staaten entwickelt. Die so genannte Großwetterlage hat immer ihren Einfluss auf das regionale Geschehen und auch darauf, wie die Menschen miteinander umgehen."

Beide Seiten finden also Ausreden, um nicht mehr als das Nötige miteinander zu tun haben zu müssen. Aber wenigstens haben sie sich auf eine gemeinsame Ausrede einigen können. Wenn das nicht ein guter Anfang ist.

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