Tagesecho Der tschechische Staatspreis für Literatur für den Dichter Zdeněk Rotrekl

21-10-2009 17:22 | Iris Riedel

Zu seinem 89. Geburtstag am 1. Oktober bekam der Dichter Zdeněk Rotrekl nun noch nachträglich ein Geschenk: den tschechischen Staatspreis für Literatur. Damit kann Zdeněk Rotrekl nun in einem Atemzug mit Milan Kundera und Ludvík Vaculík genannt werden. Wir stellen Ihnen den zu Unrecht kaum bekannten Autor vor.

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Zdeněk Rotrekl mit Kulturminister Václav Riedlbauch (Foto: ČTK)Zdeněk Rotrekl mit Kulturminister Václav Riedlbauch (Foto: ČTK) Es gibt Menschen, deren Wille ist so stark, dass ihn kein Regime der Welt beugen kann. Sie sind Stehaufmännchen, Matroschkas, die aus sich selbst heraus immer wieder neu entstehen. Zdeněk Rotrekl ist so ein Mensch. Gestern wurde er für sein Werk und seine Beharrlichkeit mit dem tschechischen Staatspreis für Literatur ausgezeichnet. In der Begründung der Jury hieß es.

„Zdeněk Rotrekl ist ein außergewöhnlicher Autor, sowohl durch sein Schaffen als auch durch sein Schicksal.“

Zdeněk Rotrekl wurde im Jahr 1920 in Brünn geboren. Im zweiten Weltkrieg leistete er aktiven Widerstand gegen die Nationalsozialisten. Gegen das kommunistische Regime kämpfte er, wie er selbst sagt: „vor dem Februar, während des Februars und nach dem Februar“ Gemeint ist damit der Februarumsturz im Jahre 1948, als die Kommunisten die Staatsgewalt an sich rissen. Als überzeugter Christdemokrat und katholischer Autor wurde er bereits 1948 in der ersten Verfolgungswelle gegen tschechische Intellektuelle festgenommen und zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde dann in eine lebenslange Freiheitsstrafe umgewandelt, denn man brauchte Zwangsarbeiter für den Uranbergbau. Erst vierzehn Jahre später kam er wieder frei und konnte endlich sein Philosophie-Studium mit dem Doktortitel abschließen und eine Familie gründen. Ende der 60er Jahre konnte er auch wieder aktiv am öffentlichen Leben teilhaben und seine Gedichte publizieren.

Zdeněk Rotrekl (Foto: ČTK)Zdeněk Rotrekl (Foto: ČTK) „Poesie/Zu dieser Stunde verlassen die Eule ihre Flügel/damit das Wiesel mehr Braun bekommt/ohne davon zu wissen/Der Buchsbaum malt es in einer Mußestunde des Hungers/Schreibt nicht zu Ende, wo das Fuchsmoos nicht/weiterkam/Der Heidekrautweg verfließt mit der Kiefer –/Holz wird gefällt/Ein milchiger Schein/schneidet tief atmend/einen Kienspan ins Eulendunkel/Die Frühe/Suppe/Rauch vom Rübenkraut/Rauch von all den verbrannten/Knochen/Das Pochen der Adern, rätselhaft“ [1974] Übersetzt von Bettina Kaibach

Nach dem Prager Frühling 1968 erhielt Rotrekl erneut Publizierverbot. Offiziell betätigte er sich als Journalist, Autor von Hörspielen und Literaturwissenschaftler. Inoffiziell veröffentlichte er seine Gedichte im Samisdat und beteiligte sich intensiv an der Tätigkeit mehrerer Dissidentengruppen. Zentrales Thema in seinen Werken sind für den Katholiken der Kampf um die menschliche Identität, die Präsenz von Traditionen in der Gegenwart und die Seele. Jurymitglied Jan Suk würde Rotrekl aber nicht als einen orthodox-katholischen Autor bezeichnen:

„Das ist keine reine katholische Poesie, das ist spirituelle Poesie. Außerdem bezieht Rotrekl eine Reihe avantgardistische Strömungen ein. Seine Poesie ist in manchen Perioden dem Surrealismus sehr nah.“

Weil Rotrekl fast vierzig Jahre nicht veröffentlichen durfte, ist seine Literatur wenig bekannt. Erst um die Jahrtausendwende begann der Verlag Atlantis sein gesamtes Werk schrittweise zu verlegen. In deutscher Sprache sind nur einige wenige Gedichte in Sammelbänden erschienen. Ein Beispiel ist der Band „Höhlen tief im Wörterbuch – Tschechische Lyrik der letzten Jahrzehnte“, der von der Deutschen Verlagsanstalt verlegt wurde.

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