Tagesecho Der 21. August ´68: Ein späterer Radio-Prag-Redakteur berichtet
Der 21. August 1968 – ein traumatischer Tag für die meisten Tschechen. Denn die Truppen des Warschauer Paktes unter Führung der Sowjetarmee beendeten den Traum von einem Demokratischen Sozialismus. Ein Jahr später, zum Jahrestag am 21.August 1969, gab es heftige Demonstrationen der Bevölkerung gegen die Okkupation. Diesmal knüppelten tschechoslowakische Polizeieinheiten auf tschechoslowakische Bürger ein, mit Toten und unzähligen Verletzten. Der Deutsche Frank-Michael Fischer hatte in diesen Jahren viel mit der ČSSR zu tun. Mit ihm sprach Christian Rühmkorf.
Ehemaliger Radio-Prag-Redakteur Frank-Michael Fischer
Frank-Michael Fischer, Sie waren am 21. August 1968 nicht in Prag,
sondern
in Neugersdorf, woher Sie stammen. Das war unmittelbar an der damals
deutsch-tschechoslowakischen Grenze gelegen. Sie haben aber eigentlich zu
dieser Zeit in Prag studiert und auch freiberuflich für die DDR-Botschaft
als Übersetzer gearbeitet. Wie haben Sie diesen Tag damals, den 21.August
1968, in Neugersdorf erlebt?
„Sehr überrascht, sehr tragisch, weil ich sehr schnell begriffen habe, dass die Grenzbefestigungen, wie das so schön hieß in der DDR, über Nacht dramatisch verstärkt wurden Richtung Tschechoslowakische Republik. Das lief darauf hinaus, dass man versucht hat, einen Grenzstreifen von ungefähr acht Kilometern menschenleer zu machen. Man hat nur diese Leute, die dort wirklich wohnten, noch drinnen gelassen. Man brauchte extra Einreisegenehmigungen um seinen Vater oder seine Tochter zu besuchen. Schulen wurden geschlossen, es gab einen ziemlichen Militärlärm um einen herum, und ich wusste, dass mein auf insgesamt fünf Jahre ausgelegtes Studium an der Karls-Universität damit zu Ende war.“
Christian Rühmkorf und Frank-Michael Fischer
Sie haben sich dann aber noch einmal auf den Weg nach Prag gemacht;
Sie
hatten noch Ihre Sachen hier, Sie mussten sich exmatrikulieren. Wie sind
Sie herüber gekommen?
„Ich habe mir, damit ich dann auch ordnungsgemäß als DDR-Bürger wieder herauskomme, ein Reisedokument verschaffen lassen und bin dann per Anhalter von Varnsdorf hierher gefahren, nach Prag. Und diese Fahrt war etwas kafkaesk, würde ich fast sagen, weil ich gesehen habe, dass viele von den einmarschierten Soldaten mit ihren Geräten eigentlich gar nicht so wussten, worum es geht und was sie hier eigentlich sollten. Ein Feind war in der Form nicht da. Die standen lose verstreut auf irgendwelchen Wiesen, zum Beispiel da bei Mělník, herum. Tschechische Kinder spielten auf den Panzern, malten Graffiti dran, hingen sich an die Geräte. Es machte einen sehr ungeordneten, hilflosen, orientierungslosen Eindruck, was dort eigentlich passierte an dieser Stelle. Und was mir in Prag aufgefallen ist, das waren diese Unmengen - ein ganz hoher Prozentsatz - von Menschen, die zum Beispiel über den Wenzelsplatz gingen und Tränen in den Augen hatten – gar nicht protestiert haben, sondern einfach nur unsäglich traurig waren. Das hat mich unglaublich erwischt.“
Ihre Prag-Geschichte ist eigentlich noch lange nicht zu Ende: Sie
sind
dann Anfang 1970 wieder zurück gekommen. Und – da kann ich es gleich
vorweg sagen – Sie sind ein ehemaliger Kollege, Sie haben in dem Jahr
angefangen, für Radio Prag zu arbeiten, für die deutsche Redaktion. Wie
kam es dazu?
„Ich war aus dem überstiegenen Sicherheitsbedürfnis der DDR-Behörden heraus als DDR-Mensch - sage ich jetzt mal - mit einer Delegation als Dolmetscher hergeschickt worden. Denn man traute wegen der 68er-Ereignisse eigentlich den Hiesigen noch nicht zu, dass sie linientreu waren. Ich habe dann für den Tschechoslowakischen Rundfunk ein Interview gedolmetscht. Und da bekam ich dann von der Redakteurin des Rundfunks die Frage gestellt, ob ich nicht Lust hätte, hier in den deutschen Auslandssendungen zu arbeiten. Und da hatte ich sofort spontan Lust, wusste aber noch nicht, wie ich es organisieren sollte, weil das mit einer unglaublichen Bürokratie verbunden war im Osten. Ich habe das dann aber bewerkstelligt und habe dann im Laufe des Jahres 1970 angefangen als verantwortlicher Redakteur und Sprecher hier zu arbeiten.“
Vermissen Sie Radio Prag noch?
„Ja, das vermisse ich. Das war eine sehr interessante Zeit; aber das war
damals zu den Bedingungen einfach nicht mehr weiter zu führen.“








