Tagesecho Demjanjuk-Prozess: Tschechischer Rundfunk entdeckt Augenzeugen in Moskau
Vor wenigen Monaten wurde vor dem Landgericht München der Prozess gegen John Demjanjuk eröffnet. Der 89-jährige gebürtige Ukrainer soll als Wachmann im Vernichtungslager Sobibor Handlanger bei der Ermordung von fast 30.000 Menschen gewesen sein. Das Problem: Keiner der bisherigen Zeugen hat Demjanjuk dort persönlich sehen. Aktuellen Informationen nach hat die Moskau-Korrespondentin des Tschechischen Rundfunks, Lenka Kabrhelová, einen Augenzeugen gefunden. Mit ihr sprach Christian Rühmkorf.
Alexej Weizen (Foto: Lenka Kabrhelová)
Frau Kabrhelová, sie haben mit einem Überlebenden des Vernichtungslagers
Sobibor gesprochen, der behauptet John Demjanjuk wiederzuerkennen. Wer ist
dieser Augenzeuge?
„Alexej Weizen ist 87 Jahre alt. Er stammt aus einer jüdischen Familie, die in der West-Ukraine lebte. In das Vernichtungslager Sobibor ist er 1942 gekommen und nahm ein Jahr später am Aufstand der Häftlinge Teil. Er hat nach seiner Rückkehr in die Sowjetunion nicht viel über Sobibor gesprochen. Denn die sowjetischen Machthaber haben jene Soldaten hart bestraft, die in Deutsche Kriegsgefangenschaft geraten waren. Dazu kam noch der staatliche Antisemitismus in der Sowjetunion. Erste umfangreichere Aussagen zum Vernichtungslager Sobibor hat Alexej Vacjen in den 60er Jahren gemacht. Da trat er in sowjetischen Prozessen in Kiew und Krasnodar gegen frühere ukrainische Lager-Aufseher auf.“
Was haben Sie nun von Alexej Weizen erfahren können, das im Prozess gegen John Demjanjuk relevant sein könnte?
John Demjanjuk (Foto: ČTK)
„Er sagte, als er die Fotos von Demjanjuk aus der damaligen Zeit sah, da
habe er ihn wiedererkannt. Heute sehe er zwar anders aus, aber auf den
Fotos der 40er Jahre, da erkennen er Demjanjuk. Weizen meint, er habe
Demjanjuk mit eigenen Augen gesehen und zwar wie er KZ-Häftlinge zur
Arbeit in den Wald abgeführt habe.“
Wie glaubwürdig sind diese Aussagen von Alexej Weizen?
Illustrationsfoto
„Das ist natürlich die Frage. Man geht davon aus, dass es im Lager
Sobibor um die 100 Aufseher gab. Weizen war dort länger als ein Jahr. Er
hat in dieser Zeit vielleicht nicht alle Aufseher persönlich gesehen. Aber
es ist sehr wahrscheinlich, dass er unter diesen Umständen damals mit John
Demjanjuk in Kontakt gekommen ist und sich an ihn erinnern kann.“
Ist Alexej Weizen bereits vor dem Landgericht München auszusagen? Das wäre ja entscheidend, denn keiner der bisherigen Zeugen hat Demjanjuk in Sobibor persönlich gesehen.
„Genau das ist das Problem. Wir haben ihn das natürlich gefragt. Erstaunlicherweise hat er ´nein´ gesagt? man habe ja schon ausreichend Beweise. Aber ich habe doch den Eindruck gewonnen, dass er bereit wäre in irgendeiner Form Zeugnis abzulegen. Denn er hat mich gefragt, ob mich schon die deutsche Staatsanwaltschaft kontaktiert hat. Denn die Staatsanwaltschaft hat sich schon für einen Medienbericht über Alexej Weizen interessiert, der hier in einer russischen Zeitung erschienen ist. Wichtig ist aber auch: Alexej Weizen ist froh, dass sich Demjanjuk endlich für seine Taten vor Gericht verantworten muss und hofft, dass er sich dem Urteil nicht entziehen könne. Das spricht also dafür, dass Weizen aussagen würde. Aber er ist schon alt und durch mehrere Herzinfarkte geschwächt. Das könnte einer Reise nach München im Wege stehen. Aber heutzutage gibt es ja auch die Möglichkeit Aussagen per Video zu übertragen. Die Frage ist, wie das deutsche Gericht damit umgehen wird.“
John Demjanjuk (Foto: ČTK)
Hat das Landgericht Sie schon kontaktiert?
„Zurzeit noch nicht. Aber mein Kollege, der Deutschlandkorrespondent des Tschechischen Rundfunks, Jiří Hošek, und ich bleiben gemeinsam mit dem russischen Journalisten Kontakt an der Sache dran.“
Wie sind Sie als Korrespondentin des Tschechischen Rundfunks auf Alexej Weizen gekommen?
„Dass er Häftling in Sobibor war, das weiß man. Darüber sind schon mehrere Artikel erschienen. Aber von Demjanjuk war da nie die Rede. Ich bin durch eine russische Zeitung auf das Thema gestoßen. Und dann bin ich gemeinsam mit einer Kollegin von der Zeitung Los Angeles Times dorthin gefahren. Das Interview haben wir gemeinsam geführt.“








