Tagesecho Damen und Ritter der Kultur: Tschechien ehrt verfolgte Künstler

01-03-2016 15:51 | Martina Schneibergová

Während der Besatzung durch die Nationalsozialisten und auch während des Kommunismus gab es hierzulande Künstlerinnen und Künstler, die aus ideologischen Gründen verfolgt wurden. Einige von ihnen wurden nun vom Kulturminister ausgezeichnet. Sie erhielten den Titel Dame beziehungsweise Ritter der tschechischen Kultur. Die Preise wurden am vergangenen Freitag im Prager Theater „Divadlo na Vinohradech“ (Theater in den Weinbergen) feierlich verliehen.

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Daniel Herman (Foto: Martina Schneibergová)Daniel Herman (Foto: Martina Schneibergová) Mit Fanfaren wurden die Ausgezeichneten auf der Bühne begrüßt. Zuvor wurden jeder der Preisträger/Innen in einem kurzen Dokumentarfilm vorgestellt. Die Titel Dame oder Ritter der tschechischen Kultur wurden erst zum zweiten Mal verliehen. Kulturminister Daniel Herman ist Initiator der Auszeichnungen:

„Es geht mir darum, die Schönheit versteckter Juwelen zu zeigen und die Menschen zu würdigen, bei denen die hohe künstlerische Qualität mit hoher Moral verbunden ist. Ich finde es wichtig, an Menschen zu erinnern, die als moralische Vorbilder dienen könnten. Es sind Persönlichkeiten, die oft während der beiden totalitären Regimes des 20. Jahrhunderts ihr Heldentum bewiesen haben.“

Helga Hošková-Weissová (Foto: Martina Schneibergová)Helga Hošková-Weissová (Foto: Martina Schneibergová) Zur Dame der tschechischen Kultur ernannte der Kulturminister die Malerin Helga Hošková-Weissová. Als Mädchen hat sie das Leben im Ghetto Theresienstadt gezeichnet. Ihr Tagebuch aus Theresienstadt wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Die Holocaust-Überlebende hatte auch während des Kommunismus in den 1950er Jahren Probleme. Die politischen und antisemitischen Prozesse führten dazu, dass Verwandte ihres Ehemanns Jahre lang in kommunistischen Gefängnissen saßen. Bei der Preisverleihung sagte die Künstlerin:

„Warum gerade ich? Die Frage habe ich mir nach dem Krieg gestellt, als ich als eine der wenigen den Holocaust überlebte. Ich halte es für meine moralische Pflicht, das Zeugnis weiterzugeben und im Namen derjenigen zu sprechen, die nicht überlebt haben. Die Menschheit hat aber kaum Lehren gezogen. Mit Besorgnis und Erschrecken verfolge ich die Nachrichten aus der Welt. Ich erinnere mich an die Worte, die mir mein Vater einst in mein Poesiebuch geschrieben hat: ‚Es kann schlimmer oder besser werden, aber wir geben uns das Versprechen, dass wir nie aufhören, Menschen zu sein.‘“

Marie Tomášová (Foto: Martina Schneibergová)Marie Tomášová (Foto: Martina Schneibergová) Ausgezeichnet wurde auch die Schauspielerin Marie Tomášová. In den 1960er Jahren folgte sie ihrem Mann, dem Regisseur Otomar Krejča, in das neu gegründete Theater „Divadlo za branou“ (Theater hinter dem Tor). Sie gehörte damals zu den besten Theater- und Filmschauspielerinnen hierzulande. 1972 schlossen die Kommunisten das Theater jedoch, und Marie Tomášová durfte bis zur politischen Wende von 1989 nicht mehr öffentlich auftreten. Die Auszeichnung halte sie für eine Ehre, sagte die Schauspielerin:

„Mein Leben war mit dem Theater verbunden. Drei Männer haben Verdienste um das Schauspiel im Prager Nationaltheater: der Dramaturg Karel Kraus, der Regisseur Otomar Krejča und der Dramatiker Josef Topol. Sie gründeten später das Theater ‚Divadlo za branou‘. Seitdem sind 50 Jahre vergangen. Ich glaube, dass es meine Pflicht und zugleich auch Ehre ist, an die unglücklichen und glücklichen Tage unseres Theaters zu erinnern.“

František Miška (Foto: Martina Schneibergová)František Miška (Foto: Martina Schneibergová) Zu Rittern der tschechischen Kultur wurden der Schauspieler und Regisseur František Miška und Bildhauer Jiří Sozanský ernannt. Miška überlebte den Holocaust, nach dem Krieg fing er an, Theater zu spielen. Er lebte Jahre lang im Exil. In den 1980er und 1990er Jahren leitete Miška das Stadttheater in Baden-Baden. Posthum wurde zudem der Liedermacher und Schauspieler Karel Hašler geehrt. Er starb 1941 im KZ Mauthausen. Nach der Preisverleihung, die im Rahmen des internationalen Festivals „Mene Tekel“ stattfand, wurde ein Theaterstück von Pavel Kohout aufgeführt, das Karel Hašlers Schicksal beschreibt.

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