Tagesecho Christen organisieren Kampagne gegen Antisemitismus

21-05-2004 | Martina Schneibergová

Obwohl antisemitische Ausschreitungen in Tschechien im Vergleich mit anderen Ländern Europas weniger verbreitet sind, entschieden sich Vertreter einiger christlich orientierter Organisationen in den vergangen Monaten eine Kampagne gegen Antisemitismus zu initiieren. In ihrem Rahmen wurde u. a. eine Diskussion zum Thema "Antisemitismus gestern und heute" im Prager Abgeordnetenhaus organisiert. Unter den Teilnehmern war auch der Sprecher der Tschechischen Bischofskonferenz und Vizevorsitzende der Gesellschaft der Christen und Juden in Tschechien, Daniel Herman. Ich fragte ihn nach der Entwicklung der Beziehungen in der Zeit nach dem 2. Vaticanum, das zur Öffnung der katholischen Kirche in den 60er Jahren führte:

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Daniel Herman, Leo Pavlat und Lubomir Zaoralek (v.r.n.l.)Daniel Herman, Leo Pavlat und Lubomir Zaoralek (v.r.n.l.) "Aus der offiziellen Lehre der katholischen Kirche geht ganz klar hervor, dass der Antisemitismus nicht zur Lehre der katholischen Kirche gehört. Heute, ich meine die Zeit nach dem 2. Vaticanum, d. h. nach 1962-65, ist die Lehre der katholischen Kirche ganz offen. Die Beziehungen zwischen den Juden und den Christen haben sich meiner Meinung nach sehr gut entwickelt. Auch der Besuch des Papstes in Israel im Jahre 2000 oder sein Besuch in der Synagoge von Rom im Jahre 1986 sind Symbole, die auch uns ansprechen. Natürlich ist dieses Thema sehr aktuell, weil sich das Leben nicht nur im Rahmen der Kirche, sondern auch im Kontext mit der übrigen Welt abspielt. Leider ist die Situation in einigen Ländern, vor allem in Ländern, wo immer noch radikale Islamisten-Regimes herrschen, sehr schwierig, und aus dem Grund ist die Haltung der Kirche und der Christen so wichtig. Denn in der Vergangenheit waren die Beziehungen zwischen den Christen und den Juden nicht so gut wie heute, und trotzdem haben wir eine positive Entwicklung erlebt. Ich hoffe, dass sich die Beziehungen zwischen der moslemischen Welt und den Juden in der Zukunft ähnlich entwickeln können. Es ist natürlich ein Prozess für mehr als eine Generation, aber ich bin tief davon überzeugt, dass nur dieser einzige Weg in die Zukunft führt."

Die Diskussionsteilnehmer wiesen des Weiteren auf den mangelnden Willen Europas hin, die Verantwortung für den Staat Israel zu tragen. Über die Ursachen dafür sagte der Leiter des Jüdischen Museums in Prag, Leo Pavlát:

"Jede Verantwortung ist ein wenig schmerzlich und unter bestimmten Umständen auch mit Opfern verbunden. Und Europa oder die westliche postmoderne Welt will nichts opfern und ist nicht bereit, auf einen Teil ihres Komforts zu verzichten. Außerdem nehmen die Europäer Probleme, die es gar nicht so weit von Europa gibt, nur als etwas Entferntes wahr. Der ganze Konflikt - so wie er ungefähr seit dem Sechs-Tage-Krieg präsentiert wird - wird aus einer Sicht dargestellt, als ob Israel ein Aggressor wäre. Europa steht da anscheinend auf der Seite des angeblich Schwächeren, aber das historische Gedächtnis ist sehr kurz. Der Konflikt begann nicht 1967. Ich meine, dass Europa wirklich die moralische Verantwortung für den Staat Israel hat. Es trägt eine moralische Verantwortung dafür, auf welche Art es zur Lösung des Konfliktes beiträgt. Ich bin nicht davon überzeugt, dass Europa in dieser Hinsicht genug unternimmt."

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