„Bis zu drei Diktaturen erlebt“ – Totalitarismus-Lesebuch in Prag vorgestellt

30 Lebensgeschichten von Menschen aus 16 Ländern Europas, die von totalitären Regimen betroffen waren. Dies enthält ein Lesebuch, das für Schüler höherer Klassen in ganz Europa bestimmt ist. Unter dem Titel „Damit wir nicht vergessen - Erinnerung an den Totalitarismus“ wurde es von der Internationalen Plattform für das Gedenken und Gewissen Europas herausgegeben. Am Montag wurde das Buch in Prag vorgestellt. Dazu ein Gespräch mit der Direktorin der Plattform, Neela Winkelmann.

Neela Winkelmann (Foto: Martina Schneibergová)Neela Winkelmann (Foto: Martina Schneibergová) Frau Winkelmann, wie ist dieses Lesebuch entstanden?

„Die Idee ist gleich bei der Gründung der Plattform für das Gedenken und Gewissen Europas entstanden. Wir haben überlegt, was es auf dem europäischen Markt noch nicht gibt und was wir herausgeben könnten. Nach der ersten Idee – das war die internationale Wanderausstellung ‚Totalitarismus in Europa‘ - gab es als Zweites den Bedarf an einem Lesebuch mit bemerkenswerten Biografien von Europäern, die den Totalitarismus erlebt haben. Das waren eine, zwei oder sogar drei Diktaturen nacheinander. Solche Schicksale gab es auch in Europa. Wir haben uns innerhalb der Plattform (ein Zusammenschluss von Institutionen, die sich mit der Aufarbeitung des Totalitarismus in Europa beschäftigen, Anm. d. Red.) zusammengesetzt und überlegt, welche Biografien wir aus unseren Ländern kennen, die bemerkenswert sind und es verdient hätten, in ein derartiges Buch aufgenommen zu werden. Dann haben wir Kollegen gebeten, Kurzfassungen von diesen Biografien einzusenden. Wir haben etwa 60 solche Kurzfassungen gesammelt und dann abgestimmt. Die Wahl war dann klar, die Biografien mit den meisten Stimmen sind in das Buch aufgenommen worden.“

Sie haben erwähnt, dass es im Lesebuch Beispiele von Menschen gibt, die drei Diktaturen erlebt haben. Welche Lebensgeschichten sind das?

„Das sind typischerweise Fälle von Menschen aus dem Baltikum. Sie haben in den 1920er Jahren die Sowjetunion, dann die Nazi-Besatzung und dann wieder die sowjetische Herrschaft erlebt. Auch gibt es Menschen aus der Ukraine oder Slowenien, die den Faschismus, den Nationalsozialismus und den Kommunismus erlebt haben.“

Mit welchen Lebensgeschichten ist Tschechien im Lesebuch vertreten?

„Wir haben zwei Biografien ins Buch aufgenommen. Zum einen ist das die Geschichte von Milada Horáková. Sie war eine herausragende Persönlichkeit, die sowohl im Widerstand gegen den NS-Regime tätig war, als auch sich dann den Kommunisten widersetzt hat und dafür in einem Schauprozess zum Tod verurteilt wurde. Sie wurde 1950 von den Kommunisten hingerichtet. Die zweite Biografie ist die eines Helden des Zweiten Weltkriegs namens Josef Bryks. Er war Pilot bei der Royal Air Force und ist mehrfach aus deutscher Gefangenschaft geflüchtet. Dann inhaftierten ihn die Kommunisten und schickten ihn ins Konzentrationslager zum Uranabbau. Dort ist er im Alter von 41 Jahren elendig gestorben.“

Foto: Archiv Radio PragFoto: Archiv Radio Prag In welche Sprachen wird das Buch übersetzt?

„Das Buch ist in Englisch erstellt worden. Danach haben wir eine deutsche und eine französische Übersetzung herausgebracht. Im Herbst letzten Jahres erschien die tschechische Fassung. Mittlerweile arbeiten wir an weiteren Übersetzungen, eine estnische und eine rumänische. Wir wollten auch ein ukrainisches Buch herausgeben, zusammen mit unseren ukrainischen Kollegen. Sie haben aber im Zusammenhang mit den jüngsten Ereignissen in ihrem Land andere Probleme. Die Verfasser der Beiträge aus der Ukraine sind übrigens junge Leute, die jetzt im Zivilsektor des Euromaidan tätig sind. Wir sind mit ihnen in Kontakt und fiebern mit ihnen mit.“

Wann wird das Lesebuch in Deutschland vorgestellt?

„Das wird am 1. April in der sächsischen Landesvertretung in Berlin geschehen.“