Tagesecho Ballonflug über Aussig: Vor 100 Jahren wurde kosmische Strahlung entdeckt
Vor genau 100 Jahren, am 7. August 1912 stieg ein großer Ballon von der nordböhmischen Stadt Aussig auf und erreichte eine Höhe von über 5000 Metern. Im Ballon saß der österreichische Physiker Victor Franz Hess. Er führte im Korb Messungen durch, die zur Entdeckung der so genannten kosmischen Strahlung führten. 1936 wurde ihm dafür der Nobelpreis verliehen.
Victor Franz Hess (Mitte)
Die Erde wird fortwährend von hochenergetischen Teilchen aus den Tiefen
des Alls getroffen. Dieses Phänomen wurde 1912 vom österreichischen
Physiker Victor Franz Hess entdeckt und als kosmische Strahlung bezeichnet.
Man wusste bereits am Ende des 19. Jahrhunderts, dass eine radioaktive
Umgebungsstrahlung existierte. Es war allerdings nicht bekannt, woher sie
kam. Den ersten Beweis legte der damals 29-jährige Hess nach seinem Flug
in eine Höhe von mehr als fünf Kilometern vor. Martin Krsek, Historiker
im Stadtmuseums in Ústí nad Labem / Aussig, erzählt, warum Hess gerade
die Stadt in Nordböhmen für seinen Versuch wählte:
„Er hat seit 1911 insgesamt acht Ballonfahrten unternommen, meistens von Wien aus. Dort füllte er seinen Ballon mit Leuchtgas. Er kam dabei aber nicht höher als 2,5 Kilometer. In jener Höhe konnte er keine grundlegenden Änderungen der beobachteten Strahlung feststellen und entschloss sich daher, einen Flug in eine extreme Höhe zu unternehmen. Dazu brauchte er Wasserstoff. In Aussig gab es damals die größte Chemiefabrik in Österreich-Ungarn, die diesen Wasserstoff produzierte. Und zudem saß im benachbarten Teplitz ein Luftballonverband, der Erfahrungen mit Wasserstoffballonen hatte.“
Martin Krsek (Foto: Archiv des Stadtmuseums in Ústí nad Labem)
Am 7. August 1912 um 7.12 Uhr stieg Hess in Begleitung eines erfahrenen
Ballonfliegers und ausgestattet mit Messgeräten über Aussig auf.
„Die Messgeräte sahen sehr primitiv aus. Sie haben die Werte natürlich nicht automatisch aufgezeichnet, sondern mussten bedient und verfolgt werden. Dies stellte sich als das größte Problem des Flugs heraus. Denn in den höheren Luftschichten wird man selbstverständlich müde und kann sogar in Ohnmacht fallen, weil es dort an Sauerstoff mangelt. Hess war mit Sauerstoff ausgestattet und musste in einer Höhe von vier Kilometern zum ersten Mal das Atemgerät benutzen. Auf 5350 Metern konnte er seine Aufmerksamkeit nicht mehr auf alle drei Messgeräte richten und alle Angaben aufzeichnen. Er schaffte es nur noch bei zwei Geräten und ordnete dann an, wieder zu sinken.“
Mit dem Ballon landete er in der Nähe von Berlin. Der Flug war
erfolgreich, denn der Physiker konnte nachweisen, dass die Radioaktivität
sowohl von der Erde als auch vom All ausgestrahlt wird. Ihre Werte sinken
zwar bis zu einer Höhe von 2,5 Kilometern, ab 3 Kilometern beginnen sie
aber intensiv zu steigen. Die Fachwelt reagierte allerdings skeptisch auf
seine Erkenntnisse.
„Es muss gesagt werden, dass er im Jahr 1912 seiner Zeit voraus war. Für viele Leute war die kosmische Strahlung ein sehr abstrakter Begriff. Auch unter Wissenschaftlern fand er nur geringen Widerhall. Dennoch wurde er 1936 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet.“
Flug zwischen Ústí nad Labem und der Umgebung Berlins (Foto: Tschechisches Fernsehen)
Im Stadtmuseum in Ústí nad Labem wurde am Dienstag eine Ausstellung
eröffnet, die die abenteuerliche Forschung von Victor Franz Hess
dokumentiert. Die Stadt plant außerdem, eine Gedenktafel für Hess zu
enthüllen. Im September werden dann große Feierlichkeiten anlässlich des
100. Jahrestags seiner Entdeckung stattfinden, bei denen auch eine
Ballonfahrt nicht fehlen wird.







